Der Gesang von Schnapsdrosseln

Der Gesang von Schnapsdrosseln

Die Veranstaltungsreihe “Krimi & Kölsch” scheint es nicht mehr zu geben. Vor über einem Jahr hatte ich das Vergnügen, zwei Lesungen in der Ständigen Vertretung Köln lauschen zu können. Die Location gibt es in der Form auch nicht mehr, sie firmiert jetzt unter „Ex-Vertretung“ — da dachte ich, die in Köln würde alles immer etwas länger dauern, bis es sich ändert oder fertig wird.

Während mittlerweile viel Wasser den Rhein runter geflossen ist, habe ich es kürzlich geschafft, zumindest einen der beiden Krimis von damals selber zu lesen. Aus dem Bauch heraus gefiel mir vom vorlesen her der Krimi von Sabine Trinkhaus, „Schnapsdrossen“ besser. Prolog-frei steigt man als Leserin oder Leser direkt in die Handlung ein:

Es war vermutlich nicht so schlimm, wie es aussah. Es war meistens nicht so schlimm, wie es aussah.
Jupp klammerte sich an den Gedanken wie an einen Rettungsring. Leider half das in etwa so gut wie ein Kinderschwimmreifen inmitten eines sturmgepeitschten Ozeans.
Aus: „Schnapsdrosseln“ von Sabine Trinkhaus

Da ist er, der narrative Haken. Man will einfach wissen, was Jupp und sein Hund da gefunden haben. Und dann lechzt man nach dem Warum und Wer. So baut man Krimis auf, die Leserschaft fesseln. Gerne würde ich jetzt weiter Loblieder auf den Krimi von Sabine Trinkhaus singen, schließlich habe ich ihn auch, was bei mir immer ein gutes Zeichen ist, schnell durchgelesen. Krimis, die man nicht mehr aus der Hand legt, bis man sie durch hat, können im Prinzip schon mal nicht ganz falsch sein. Persönliches Bauchgrummeln bekomme ich allerdings immer dann, wenn es Privatermittler gibt, die im Mittelpunkt stehen. Gemischt mit einem Hauch von Miss Marple sorgt es bei mir schnell für Wechselwirkungen, die sich zu einer regelrechten Unverträglichkeit auswachsen könne.

Ganz so schlimm ist es bei „Schnapsdrosseln“ nicht. Trinkhaus gelingt die Balance durch eine starke Nebenfigur in Form des Kriminalhauptkommissars Wörner. Dem wiederum eine Assistentin zur Seite steht und selbstverständlich. Die eigentlichen Protagonisten sind Britta und Margot (oder nur eine von beiden?), was sich nicht nur für den Leser zu ab und an zu einem Stolperstein entwickelt. An ein bis zwei Stellen kam die Autorin selber mit ihren beiden Figuren durcheinander. Überhaupt die Figuren. Es tummeln sich eine Menge davon in der Handlung, so dass einem irgendwann der Kopf brummt, obwohl man selber gar keinen Schnaps getrunken hat. Dabei habe viele der Nebenfiguren irgendwie ein Motiv.

Die aus meiner Sicht größte Schwäche hat „Schnapsdrosseln“ jedoch in Bezug auf die Figur des Täters. (Achtung, Spoiler!) Die Figur erlebt man aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Zum einen als unverdächtige Nebenfigur und zum anderen als Täter, der aus der Ich-Perspektive sein nächstes Opfer beobachtet, seinem Hass freien Lauf lässt. Man ahnt beim lesen nicht, wer von den Nebenfigur der Täter sein könnte oder ob dies eine bisher unerwähnte Person ist.

Ein Stück weit wird auf diese Weise der Leser an der Nase herumgeführt. Etwas, was mich (nicht nur) im Krimi stört. Vor allem wirken die Passagen mit der Ich-Perspektive wie ein Fremdkörper im restlichen Text. Auch stilistisch fallen sie deutlich ab. Hier wäre es geschickte gewesen, statt der Ich-Perspektive Drohbriefe an das Opfer auftauchen zu lassen. Das hätte auch die parallel Führung ein und der selben Figur vermieden.

Insbesondere Krimi-Autoren kämpfen mit dem Dilemma, wie viel von dem Täterwissen im Plot durchsickern darf. Man muss sowohl die Spannung bewahren, als auch ein Gleichgewicht finden zwischen dem, was der Leser auf der einen und die Ermittler-Figuren auf der anderen Seite wissen. Der von Sabine Trinkhaus eingeschlagene Lösungsweg mag legitim erscheinen, es gibt aber mit Sicherheit elegantere Optionen.

Fazit: „Schnapsdrosseln“ hat durchaus Potential. Als Lektüre ist der Krimi auf jeden Fall kurzweilig und alles andere als ein Fehlkauf.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren