Schuld und Bühne

Schuld und Bühne

Noch vor weniger als sieben Tagen habe ich mit jemanden über die Kranhäuser im Kölner Hafen gesprochen. Wir waren uns einig, dass man eher selten einfach so rein kommt. Eher überhaupt nicht. Zu diesem Zeitpunkt hingen bei uns zu Hause in der Küche bereits seit Wochen Eintrittskarte für die phil.COLOGNE Veranstaltung „Schuld und Sühne“ mit Reinhard Merkel und Michael Skril.

buehne 23.05.2014

Ausgewählte hatte ich die Veranstaltung, weil das Thema gerade auch für einen (angehenden) Krimi-Autor spannendend klang. In einem guten Krimi geht es letztendlich auch um die Frage nach der Schuld im philosophischen Sinne. Also darum, ob der Täter wirklich etwas dafür konnte, eine Wahl hatte, auch anders zu handeln oder eben nicht.

Als meine Frau und ich gestern Abend den Anweisungen der Navigations-App folge leisteten, um vom Ubierring zum Ziel zu gelangen, staunte ich jedenfalls nicht schlecht, als ich endlich erkannt, wo die Veranstaltung statt finden würde. In einem der Kranhäuser bei CMS Hasche Sigle. CMS hat 58 Büros und eine Präsenz in mehr als 30 Ländern rund um den Globus. Die Büros im Kranhaus sind eine davon.

Der Portier im Eingangsbereich des Kranhaus 1, eine hilfsbereite Dame, wies uns den Weg. Mit dem Aufzug ging es in den 12. Stock. CMS verfügt im Kranhaus über 5 Etagen. Das Schild mit den Namen vor dem Empfang von CMS erinnerte an Kriegerdenkmäler — zumindest von der Anzahl der aufgeführten Menschen her.

Bevor ich jetzt zum Erlebnis der ganz anderen Art komme, muss ich vorweg schieben, dass sowohl meine Frau als auch ich Wert auf Pünktlichkeit legen. Wir sind lieber etwas zu früh da als das wir zu spät kommen. Entsprechend waren wir bei CMS auch 10 Minuten vor 19 Uhr. Einlass sollte um 19 Uhr sein. Zahlreiche Personen befanden sich bereits im Bereich hinter der Einlasskontrolle, es wurde fröhlich irgendein Rosé-Sekt getrunken.

Die Frau, die an der improvisierten Kasse / Einlasskontrolle stand und sich mit einer anderen Dame unterhielt, würdigt uns keines Blickes. Sie nahm uns einfach nicht zur Kenntnis. Nach etwa 20 Sekunden gingen wir daher rüber zu der Mitarbeiterin von CMS, die am regulären Empfang von CMS saß. Höflich und geschult verwies sie uns wieder an den Stehtisch von phil.COLOGNE. Offensichtlich durch den Umstand aus ihrer Unterhaltung gerissen, dass die Mitarbeiterin von CMS an den Stehtisch zurück begleitet hatte, schenkte man uns dort jetzt für einen Augenblick Aufmerksamkeit. Einlass ist erst um 19 Uhr!“ Ruppig im Tonfall, herablassend im Blick. Und dann ließ man uns einfach wieder stehen. Im Hintergrund wurde weiter getrunken.

Meine Frau und ich gingen vor die Tür und ich meinte zu ihr nur sinngemäß, was das denn für eine Arroganz sei. Nun muss man wissen, dass ich eigentlich selten wirklich so leise spreche, dass mich nur meine Frau hört. Einen Wimpernschlag später bat uns die „charmante“ Frau rein, wir könnte ja drinnen warten. 50 cm auf der anderen Seite der Glastür. Es dauert noch etwas, bis man sich dann dazu herab ließ, unsere Karten abzureißen und wir endlich richtig rein durften.

Zum diesem Zeitpunkt war ich eigentlich schon bedient für den Abend, das besondere Klima einer großen Kanzlei tat das übrige dazu. Liebe Veranstalter der phil.COLOGNE, so geht man nicht mit Gästen, die eigentlich zahlende Kunden sind, um!

Viel Gerede über das Drumherum, dabei wäre das Thema der Veranstaltung selber viel interessanter. Vom Roman „Schuld und Sühne“ des Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski ging es bis hin zu Sebastian Edathy. Die Moderatorin Svenja Flaßpöhler gab sich große Mühe, die Redeanteil von Herrn Merkel und Hern Skirl auszubalancieren. Dennoch, Herr Merkel erwies sich von Beginn an als der begnadetere Redner. Erst im Nachgang fiel mir auf, woher mir Herr Merkel bekannt vor kam. Eine Zeit lang war er Dozent an der Universität Bielefeld.

Die spannende Frage an diesem Abend war, in wie weit ein Mensch überhaupt schuldfähig. Welche Folgen das Konzept von Schuld und Sühne für die Gesellschaft hat und welchen moralischen Fallstricke in der nachträglich angeordneten Sicherheitsverwahrung liegen. Dem Konzept des freien Willens und der Möglichkeit, sich jederzeit frei zu entscheiden, ob man eine Straftat begeht oder nicht, stellte Merkel die Frage nach der normativen Ansprechbarkeit gegenüber. Wie frei ist ein Mensch wirklich in seiner Entscheidung, wenn er eine bestimmte Disposition hat?

Im Strafgesetzbuch bezieht sich der §20 auf die Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen:

Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.

Auch darüber kann man länger diskutieren, denn ohne Schuld handelt, wer unfähig ist das Unrecht seiner Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.

Insbesondere zwei Dinge nahm ich aus er Veranstaltung für mich mit. Die Bestärkung meiner Überzeugung, dass auch Straftäter Menschen sind und Rechte haben. Und einen Denkanstoß, der sich um Thomas Mann und Sebastian Edathy dreht: ab wann beginnt die Straftat, aber wann der moralisch verwerfliche normative Verstoß?

Die zweite Enttäuschung nach der Sache mit dem Einlass kam für mich 90 Minuten nach Beginn — es musste leider ein Ende gefunden werden, dabei hätte ich Herrn Merkel und seine Ausführungen noch stundenlang zuhören können. Die Möglichkeit, kostenlos noch einen Wein oder ein Kölsch zu trinken schlugen wir aus und verzogen uns lieber in ein nettes Restaurant in der Südstadt.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren