6 Österreicher unter den ersten 5

6 Österreicher unter den ersten 5

Mein Verhältnis zu Österreich und zu den Österreichern lässt sich am besten mit einem Facebook-Beziehungsstatus beschreiben. Es ist kompliziert. Oder anders gesagt, es ist eine Geschichte, die mit einem Missverständnis begann. Um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen. Drehen wir also die Uhr ganz weit zurück. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, war ich damals, als es mit der Familie zum ersten Mal nach Österreich ging, gerade fünf Jahre alt.

Viele aus meiner Generation – und es gibt diesen Brauch noch immer – kennen die Sache mit der Fleischwurst, die man als Kind beim Metzger an der Fleischtheke bekommt. Das Kind wird gefragt, ob es denn ein Stück Fleischwurst möchte, woraufhin die Augen des Kindes groß werden und es fleißig nickt (Vegetarier und Veganer lesen mal großzügig über die Details hinweg). Generös wird einem dann eine gerollte Scheibe Fleischwurst über die Theke gereicht, woraufhin man sich artig bedankt. Selbstverständlich ist das auch eine Art, im schon sehr jungen Alter mit der Kundenbindung anzufangen.

Österreich also. Wir wohnten bei netten Leute zur Halbpension. In der ersten Hälfte des Urlaubs erwischte es meine Mutter mit irgendeiner Infektion, so dass es klein Thomas aufgetragen wurde, im Laden nebenan einkaufen zu gehen. Mächtig groß fühlte ich mich. Ich bekam Geld und einen geschriebenen Einkaufszettel. Mit dem betrat ich das Geschäft und bekam alles in den Korb gepackt vom Inhaber des Ladens. Dann fragte er mich mit einem Lächeln, ob ich denn ein Stück Fleischwurst wollte. Klar wollte ich. Statt einer Scheibe bekam ich ein richtiges Stück frisch geschnitten von der Wurst. Das Geld beim bezahlen reichte gerade so, in die Tüte wurde der Kassenbon gepackt.

Zurück bei meinen Eltern gab es Ärger, als sie den Bon in die Hände bekamen. Warum ich mir denn eine Fleischwurst gekauft habe, musste ich mich rechtfertigen und wo denn diese sei. Richtig geglaubt hat mir dann meine Version der Geschichte niemand. Das war der Moment, wo ich in Bezug auf die Österreicher skeptisch wurde. Ein paar Jahre später erfuhr ich dann, wie man uns Deutsche in Österreich nennt: Piefke. Und das ist alles andere als positiv gemeint.

Noch etwas später verliebte ich mich dann in den Wiener Schmäh und vor allem in Sachertorte. Wieder etwas später lernte ich Autoren wie Anni Bürkl, Heinrich Steinfest und Eva Menasse kennen und schätzen – durch Lesungen, Bücher oder das Internet. Österreich ist dennoch für mich nach wie vor schwierig.

Vor Ostern, um jetzt auf das eigentliche Thema zu kommen, fiel mir das Buch „6 Österreicher unter den ersten 5“ von Dirk Stermann in die Hände. Im Untertitel heisst es „Roman einer Entpiefkenisierung“. Das zog mich magisch an und so landet das Buch auf meinem Bücherstapel, etwas weiter oben sogar. Mittlerweile habe ich es zu Ende gelesen. Was soll ich sagen, mit dem Buch ist es für mich wie mit Österreich. Kompliziert. Der so genannte Roman ist epsiodenhaft aufgebaut, wobei es keine chronologisch Reihenfolge gibt, eher hangelt sich Stermann von einem Stichwort oder Ereignis zum nächsten, nur um dann wieder zurück zu springen. Beim lesen fühlt man sich nach einiger Zeit so, als wenn auf man auf dem Prater zu lang Riesenrad gefahren wäre. So war denn mein Gefühl hinterher auch eher das einer Enttäuschung.

Dennoch, ich würde es immer wieder kaufen und lesen. An nicht wenigen Stellen habe ich herzhaft lachen müssen, mitunter zur späten Stunde im Bett, während meine Frau sich neben mir bemühte einzuschlafen. Stellen wie diese, wo der Hund eines Freundes bei einem tragisch Unfall, er stürzt aus dem Fenster, zu Tode kommt

„»Na ja. Füttern werdens ihn nicht mehr müssen. Und Gassi gehen auch nicht. Das haben Sie elegant gelöst!«, sagte der Polizist und prustete zusammen mit seinem Kollegen los. »Gassi gehen für Faule: Einfach den Hund aussihaun ausm Fenster!«“
aus: „6 Österreicher unter den ersten 5“ von Dirk Stermann

sind aber einfach zu köstlich. Stermann gelingt es immer wieder, in Szenen den speziellen Charme der Wiener einzufangen. Gleichzeitig schaut aus den Zeilen auch hervor, was ein Teil der Österreicher von uns Deutschen hält.

Ja, ich gebe zu, auch der Titel selber trifft Österreich ganz gut, sage ich jetzt mal als Piefke. Ob in dem Buch Österreich oder Deutsche besser beziehungsweise schlechter weg kommen, mag jeder für sich selber beurteilen. Was voraussetzt, man kauft das Buch, so wie ich. Empfehlen könnte ich es.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren