Die Kleider-Macht der Leute

Die Kleider-Macht der Leute

Über die Eröffnung von Primark in Köln zu schreiben, bedeutet eigentlich im Grunde zunächst einmal, sich zuerst selber an die Nase zu packen. An sich herunter zu schauen und kritisch zu prüfen, was man da von wem trägt (es sei denn, man gehört zu der Spezis der Nackt-Blogger). Es ist nicht nur Primark, sondern es gibt genügend andere Hersteller, die unter fragwürdigen Bedingungen produzieren lassen.

Gier frisst Hirn.

Oft genug, wenn man es wagt, Primark zu kritisieren, wird man von Zeitgenossen auf diesen Umstand hingewiesen. Ein wenig klingt da „andere sind auch nicht besser“ zusammen mit „kann man eh nichts machen“ und „halte dich selber für nichts besseres“ mit. Man wirft nicht den ersten Stein, wenn man zusammen mit dem Balken und dem Auge seines Bruders im Glashaus sitzt.

Moralisch kann man so was dennoch hinterfragen. Ich kann eine Jeans von H & M tragen und dennoch ein paar Takte zu Primark verlieren. Andernfalls wäre das so wie mit Eier aus Bodenhaltung. Machen wir uns nichts vor, wirklich artgerecht ist die Freilandhaltung von Hühnern zu Bedingungen, bei denen das fertige „Produkt“ später strengste Kriterien der Bio-Etikettierung erfüllt. Wer lediglich Eier aus konventioneller Bodenhaltung kauft, weiß nicht wirklich, was dahinter steckt. Mitunter ist der Platz, den ein einzelnes Huhn zur Verfügung hat, nicht wirklich großzügig. Trotzdem kann jeder, der Eier aus Bodenhaltung kauft, die Käfighaltung von Hühner kritisieren (wir lassen mal außen vor, dass die Käfig-Eier dann bei den Gutmenschen in den Nudeln und anderen Produkten mit Ei stecken).

Mit anderen Worten: als Konsument muss es mir zugestanden werden, noch schlechtere Bedingungen, zu denen ein Produkt hergestellt wird, zu kritisieren. Auch dann, wenn das, was ich mir leiste, nicht zu Idealbedingungen produziert wird. Für mich persönlich stellt Primark einen Tiefpunkt in der Abwärtsspirale dar. Mode wird billiger, Gleichzeitig belastender für Mensch und Umwelt.

Häufiges Argument gerade bei den jungen Käuferinnen der Kleidung von Primark ist jenes, dass man sich anders nur weniger oder kaum etwas leisten könnte. Auf den Punkt gebracht heisst das doch, dass mir Kleidung, die zu menschenwürdigen Konditionen hergestellt wird, zu teuer ist — oder aber, man setzt die falsche Priorität, schließlich muss man auch noch das Smartphone, welches 700 Euro kostet, abbezahlen (unberücksichtigt bleibt hier die ebenfalls katastrophale Situation der Angestellten bei Foxcom).

Die Wahrheit ist, ohne Primark würde niemand nackt herumlaufen. Gleichzeitig begibt man sich argumentativ in eine Falle. Wenn ich den Einkauf bei Primark damit legitimiere, dass ich mir so viel Kleidung andernfalls nicht leisten kann, dann gilt das auch in anderen Bereichen. Rein von der Wertigkeit gibt es keinen Unterschied, wenn Länder wie China von sich behaupten, Demokratie und Menschenrechte, so wie wir Europäer sie hochhalten, könne man sie gar nicht leisten.

Wir vergessen all zu gerne, welche Macht wir als Konsumenten eigentlich haben. Niemand zwingt uns, etwas bestimmtes zu kaufen. Wenn man sich die Bilder der Menschenschlange anschaute, wie sie sich vor der neuen Filiale von Primark in Köln windet, fasst man sich instinktiv an den Kopf. Unglaublich, als ob sich nach dem Biss in den Apfel die Menschen zum ersten Mal einkleiden müssten. Kein derjenigen, die dort gestern gestanden haben, wurde dazu gezwungen, niemand hat man dort hin geprügelt. Alle standen dort freiwillig, und die meisten wohl wissend, wie viel Blut und Schweiß an dem kleben wird, was sie für wenig Geld kaufen werden.

Wenn die Konsumenten T-Shirts für drei Euro ablehnen würden, gäbe es auch keine zu dem Preis. Mit der gleichen Haltung würde uns auch so mancher Lebensmittelskandal erspart bleiben. Das Problem unserer Zeit ist jedoch, dass wir alles gleichzeitig wollen. Den Urlaub, das Essen, Smartphone und neue Klamotten. Wo früher abgewägt und eine Entscheidung gefällt wurde, die Verzicht beinhaltet hatte, heisst es heute „alles und sofort“. Wenn wir auf etwas verzichten, dann lediglich auf etwas außerhalb unserer beschränkten Wahrnehmung. Die Näherin in Bangladesch kenne ich nicht und sehe ich nicht. Was sie im Monat verdient, ist mir entsprechend egal. Ist alles weit weg von meiner Lebenswirklichkeit.

Damit triff es in der christlichen Religion das Problem der Nächstenliebe. Der nächste ist immer mein Nachbar, mein Mitbürger oder Ähnliches. In „Also sprach Zarathustra“ schreibt Friedrich Nietzsche daher zu Recht von der „Fernsten-Liebe“. Der Begriff scheint angebrachter und aktueller den je zu sein. Natürlich kann niemand von uns von heute auf morgen die Welt zum Besten verändern. Mein Lieblingssatz ist daher der: „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, dann werden sie das Gesicht der Welt verändern.“ Und genau so ist das. Heute nicht oder Primark kaufen, morgen einen Schritt weiter gehen. Der Weg ist langwierig uns mühsam, aber er lohnt sich.

2 Replies to “Die Kleider-Macht der Leute”

  1. Primark wendet sich halt an die Schüler, größenmäßig und auch auf grund der finanziellen Möglichkeiten. Daher kann ich verstehen, dass sie dort kaufen.
    „Wer billig kauft kauft doppelt“ verinnerlichen sie sich noch nicht.

    1. Der Spruch trifft es 100% – wobei ich mich frage, ob man früher selber deshalb nicht billig gekauft hat, weil es keine Möglichkeit gab oder aber, weil man es nicht wollte. C&A verkaufte schon immer günstig. Dort einzukaufen, kam aber in meiner Stufe keinem in den Sinn.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren