Der Wille zur Farm

Der Wille zur Farm

Im Alter, so heißt es, neigt man dazu, Dinge zu verklären. Ob ich diese Stufe bereits erreicht habe — darüber zu urteilen, überlasse ich anderen. Möglicherweise haben auch über 20 Jahre Stadt- und Großstadt-Leben Spuren hinterlassen. Es gibt so etwas wie eine Sehnsucht zurück auf`s Land. Bessere Luft, weniger Menschen und Verkehr und günstigere Mieten beziehungsweise Kaufpreise für Eigentum.

farmville2

Was ich trotz meiner möglicherweise romantischen Verklärung nicht vergessen werde sind die Dinge, die ich früher regelrecht gehasst habe. Gartenarbeit war mir zu wider. Unkraut rupfen, Rasen mähen (wir hatten eine große Rasenfläche), mit den Händen in der Erde wühlen. Ganz besonders unspannend fand ich dann im Herbst , das Laub zusammen zu harken. Wobei, verbrennendes Walnusslaub schon klasse riecht — heutzutage würde man wohl innerhalb kurzer Zeit für das Verbrennen von Gartenabfällen eine Anzeige bekommen.

Aber zum eigentlichen Thema. Fleißig im App-Store wie in Blogs, die einfach die Pressemitteilung kopieren, beworben wird derzeit Farm Ville 2. Spiele, bei denen man eine Farm gründet und sich um die Anzucht von Pflanzen so wie die Aufzucht von Tieren kümmert, sind nach wie vor in Mode. Auch ich lasse mich von solchen Spielen immer wieder locken. Vor fast 10 Jahren fesselte mich „Harvest Moon – Friends of the Mineral Town“ für den GameBoy Advanced. Für mich ist das nach wie vor noch Beurteilungsmaßstab für alles nachfolgende Farm-Spiele.

Das Prinzip von Farm Ville 2 ist nicht neu und es wird auch wenig geboten, was man nicht aus anderen bekannten und weniger bekannten Free to play Spielen schon gesehen hat. Man sät, gießt und wartet. Wer ungeduldig ist, verkürzt die Wartezeit mit Bronzeschlüsseln oder Dünger. Am Anfang wird man damit noch großzügig ausgestattet, im Laufe der Zeit muss man sich die Spielwährung jedoch anderweitig besorgen. Entweder, in dem man Freunde für Farm Ville anfixt oder aber durch das Ausgeben von echtem Geld. Hier besteht ein großer Unterschied zu Heartstone, welches ich mir vor ein paar Tagen ebenfalls installiert habe und welches auch kostenlos ist. Bei Farm Ville muss man ständig Geld ausgeben, um Wartezeiten zu überbrücken. Dabei besteht das Spielprinzip darin, dem Spieler möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Gleichzeitig wird frech um Datenzugriff bei Facebook gebettelt.

Für Heartstone benötigt man keinen Facebook-Account, nur ein einen battle.net Account bei Blizzard. Spiel und soziales Netzwerk sind daher getrennt. Zudem lässt sich Heartstone so lange spielen, wie man will, ohne eine einzige Beschränkung. Wie bei jedem Sammelkartenspiel (ob virtuell oder physikalisch) kann man Booster kaufen, muss man aber nicht. Die Karten brauchen sich, einmal gekauft, nicht auf — sie nutzen also nicht ab wie die Schlüssel bei Farm Ville.

Über die In-App Käufe könnte man lange diskutieren. Der kürzeste Weg bei Farm Ville 2 besteht jedoch darin, es der Einfachheit mit dem zehn Jahre alten Harvest Moon zu vergleichen. Unfair? Wohl kaum, denn trotz der enormen technischen Möglichkeiten, die mittlerweile zur Verfügung stehen, macht Farm Ville 2 eine verdammt schlechte Figur. Harvest Moon ist ausgefeilter, bietet wesentlich mehr Möglichkeiten und ein deutlich umfassenderes Spielerlebnis. Vor allem, man zahlt(e) dafür nur ein einziges Mal.

Zurück zum verhassten Unkraut jäten. Es ist, wie ich heute weiss (auch wenn man mittlerweile politisch korrekt von Wildkraut spricht), eine Tätigkeit, die notwendig ist. Genau so notwendig, wie die umfassende Deinstallation von Farm Ville 2 — vom iPad löschen und bei Facebook die Verbindung trennen. Wer es selber Probespielen will, sollte lieber ins das nächste Gartencenter gehen, dort ein paar mal tief Luft holen. Das ist spart Zeit, Nerven und viel Geld.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren