Autos als Beziehungswesen

Autos als Beziehungswesen

Fleischiges und milchiges gehören nicht zusammen, wenn man sich koscher ernährt. Das ist zugegeben ein schlechter Vergleich, wenn man über schlechte Vergleiche schreibt. Das Prinzip sollte aber klar sein — manche Dinge passen einfach nicht zusammen, auch wenn man noch so sehr mit dem Hammer drauf haut. Das führt dann direkt zum Gastbeitrag „Verliebt in ein Betriebssystem“ des Kölner Psychologen Stephan Grünewald im Kölner Stadt-Anzeiger von gestern.

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Abgesehen davon, dass man selbst nach mehrfachen lesen immer noch seine Schwierigkeiten damit hat dahinter zu kommen, was Grünewald eigentlich sagen möchte, bleiben zwei Dinge hängen. Der Versuch einer Filmkritik, irgendwie jedenfalls und der Vergleich von Beziehungsfähigkeit mit der Liebe zu Autos.

Ganz platt formuliert hält Grünewald jemanden, der lediglich Carsharing nutzt für jemanden, der auch eher unfähig ist, eine feste Beziehung einzugehen. Aber schön der Reihe nach.

Die Jugend von heute, Grünewald leitet den Artikel mit einem Bericht über seinen Sohn ein, interessiert sich nicht mehr so wie vorhergehende Generationen für ein Auto. Auto ist eben nicht mehr gleichbedeutend mit Autonomie. Grünewald bringt das wie folgt auf den Punkt:

Wirkliche Autonomie und Freiheit bedeuten heute nicht, ein Auto zu besitzen, sondern über ein Auto zu verfügen.

Danach folgen noch ein paar kluge Ansätze, bevor Grünewald eine merkwürdige Wendung vollzieht. Jemand, der bewusst auf ein Auto verzichtet, tut das nicht etwas der Umwelt zu liebe oder aus der Einsicht heraus, dass wir längst die Grenzen des Individualverkehrs erreicht haben, nein, er stiehlt sich aus der Verantwortung. Gleichzeitig nimmt er sich damit selber ein Stück Lebensfreude, in dem er auf das „Herzklopfen bei der Erstbesteigung eines Neuwagens“ verzichtet. Ganz ehrlich, wer Trennungsschmerz verspürt, wenn er nach einigen Jahren sein Auto verschrotten lassen oder verkaufen muss, der ist eigentlich ein Fall für einen Psychologen. Dinge sind keine Menschen, von denen man sich trennt und dabei leidet.

Schließlich landet Grünewald bei der „Verfügbarkeits-Verheißung“, will meinen, der moderne Mensch glaubt, dass ständig alles und jeder zu seiner Verfügung steht — schließlich ist das beim Carsharing, so die Brücke zum vorherigen Teil, ebenfalls. Man kann nur Vermutung anstellen, aber wirklich viele Erfahrungen mit Carsharing scheint Herr Grünewald nicht zu haben (schließlich besteht ja, dank des einleitende erwähnten Zweitwagens, auch wenig Notwendigkeit, darauf zurück zu greifen). Wer Carsharing oder auch andere Dienste, bei dem sich mehreren Menschen Dinge teilen nutzt, weiß, dass eben nicht immer alles verfügbar ist.

Im Film „Her“, so Grünewald, verliebt sich der Protagonist (Theodore) in ein Betriebssystem. Dies und die Stimme, über die es mit Theodore in kommuniziert, ist ständig verfügbar. Den Teil, in dem die Handlung des Films gespoilert wird, sparen wir uns an dieser Stelle — ist auch etwas, was man nicht unbedingt einem Gastbeitrag auf Seite vier morgens zum Frühstück lesen möchte. Schließlich kommt der eine, verhängnisvolle Satz:

Der Liebespartner bleibt wie ein Sharing-Auto ein fremdes und nicht greifbares Allgemeingut, mit dem man nicht durch jahrelange Erfahrung verbunden ist.

Darüber kann man nur den Kopf schütteln. Einen geliebten Menschen mit einem Auto gleichsetzen, denn nichts anders macht Grünewald hier, ist ein ziemlich schlechter Vergleich. Ich will Herrn Grünewald wirklich nicht zu nahe treten, aber möglicherweise hat er doch zu viel Kontakt mit Autos gehabt. Anders ist sein Artikel schwer zu erklären — oder es ist der Schock, dass sein eigenes Fleisch und Blut den Zweitwagen zurück beweisen hat?

Ich für meinen Teil möchte keine wie auch immer geartete Beziehung mit einem Auto eingehen. Darüber hinaus finde ich die Idee, dass bestimmte Dinge (wir reden hier von Dingen, nicht Menschen!) Allgemeingut sind, durchaus sehr charmant.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren