Inklusion — gewollt aber nicht gekonnt

Inklusion — gewollt aber nicht gekonnt

Vorweg eine Warnung. Der nachfolgende Artikel ist polemisch, einseitig und voller Wut im Bauch geschrieben. Der Autor dieser Zeilen stellt dennoch nicht die Idee hinter der Inklusion in Frage — wohl aber die derzeitige ungenügende Art der Umsetzung.

Mittlerweile schlägt mir das Thema Inklusion regelmäßig auf den Magen. Ich erlebe die Folgen einer verfehlten Schulpolitik hautnah als jemand, der mit einer Lehrerin verheiratet ist, die wie ihrer Kolleginnen und Kollegen die Umsetzung ausbaden muss. Aber fangen wir mal anders an. Wenn irgendwo etwas in den Medien zum Thema Inklusion gebracht wird, sieht man irgendwelche süßen Rollstuhlfahrer, die doch bitte gerne an einer weiterführenden Regelschule unterrichtet werden möchten. Wenn im Zusammenhang der Inklusion von Behinderungen gesprochen wir, schwingt immer die Einengung auf körperliche Behinderungen mit. Inklusion umfasst aber alle Arten der Einschränkung, oder anders gesagte, alle Formen des besonderen Förderbedarfs.

    • Emotionale und soziale Entwicklung
    • Geistige Entwicklung
    • Hören und Kommunikation
    • Körperliche und motorische Entwicklung
    • Lernen
    • Sehen
    • Sprache

    Dafür gab es bis Inklusion Thema wurde, entsprechende Förderschule auch in Nordrhein-Westfalen. An diesen Schulen unterrichtet ausgebildet Spezialisten, Sonderschulpädagogen (Lehrer), auch als Förderschullehrer bezeichnet. Die Betonung liegt hierbei auf „ausgebildete Spezialisten“. Inhalte des Studiums waren neben dem Fachwissen für die beiden zu unterrichtenden Fächer und der entsprechenden Fachdidaktik auch die Bildung eines sonderpädagogischen Förderschwerpunkts — man hat sich also entsprechend auf einen der Förderschwerpunkte spezialisiert.

    Auch wenn für die einzelnen Förderschulen nach Schwerpunkt unterschiedliche Schülerhöchstzahlen angesetzt wurden, lässt sich das im Durchschnitt auf einen Wert von 15 Schülerinnen und Schüler pro Klasse zusammenfassen. Demgegenüber stehen in 28 bis 30 Schüler in Klassen der weiterführenden Regelschulen.

    Ganz konkret: vor Einführung der Inklusion gab es kleiner Klassen für den Förderbedarf und gleichzeitig speziell ausgebildet Lehrer. Der momentane Ist-Zustand sieht dagegen erheblich anders aus. Lehrerinnen und Lehrer an Regelschulen müssen, bei gleichbleibender Klassengröße, die Inklusion stemmen — oder dafür Unterstützung, Stundenreduzierung oder eine besondere Form der zusätzlichen Qualifikation zu erhalten. Vielleicht mag das anders geplant gewesen sein, aber derzeit sieht das an nicht wenigen weiterführenden Schulen in Nordrhein-Westfalen so aus.

    Am Anfang kann Inklusion durchaus noch Spaß machen — ein Jahr später sieht es mittlerweile ganz anders aus. Der betreffende Schüler leidet durch die ständigen Gängelungen seiner Mitschüler, wird sogar von jüngeren Kinder gemobt. Um das aufzufangen, fehlt es unter anderem auch an Zeit. So was lässt Zweifel zukommen, ob man dem Schüler mit der Inklusion wirklich ein Gefallen getan hat. Akut ist der Schüler extrem selbstmordgefährdet — in der sechsten Klasse!

    Wenn darüber gesprochen wird, was die Inklusion in Nordrhein-Westfalen kostet, so frage ich mich ernsthaft, wo überhaupt Kosten entstehen. Mein Eindruck ist eher der, dass erheblich eingespart wird, vor allem an qualifizierten Personal. Im Grunde müsste eine inklusive Klasse von zwei Personen dauerhaft betreut werden. Ein Möglichkeit wäre eine Lehrkraft plus ein Sozialpädagogen. Das würde dann allerdings wirklich Geld kosten. Aus pädagogischer Sicht ist dies aber der einzige Weg, der wirklich sinnvoll ist.

    Bei Klassengrößen von 30 Schüler sträuben sich mir jedenfalls die Haare, denn 20 wäre das Maximum, was sich im derzeitigen Schulsystem sinnvoll betreuen ließe.

    Das Schulministerium schreibt, Inklusion sei nicht nur ein Auftrag, sondern eine Chance für alle. Schöne Worte, aber so wie ich es erlebe, wird Inklusion von oben verordnet. Auf der Strecke und bleiben Lehrer wie Schüler. Darin liegt keine Chance, sondern das Gegenteil davon.

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    über Thomas Boley

    Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren