Gelassenheit auch wenn es kuschelig wird

Als Pendler mit über 10 Jahre Erfahrung (kann man so was schreiben) bei der Benutzung diverser öffentlicher Verkehrsmittel, um mit Hilfe dieser zur Arbeit zu kommen lernt man vor allem eins: Gelassenheit. Sicher, Verspätungen, Zugausfälle und Streiks sind ärgerlich. Man muss sich umstellen, längere Reisezeiten einkalkulieren oder aber ganz zu Hause bleiben — wenn man viel Pech hat, erwischt es einen auf dem Weg nach Hause, so dass man in einem Hotel endet.

Kommentar einer Mitreisenden: "Zumindest regnet es nicht."
Kommentar einer Mitreisenden: „Zumindest regnet es nicht.“

Man kann darüber meckern. Man kann jammern, Menschen verfluchen, die möglicherweise Schuld dran tragen, dass man nicht dahin komm, wo man hin will (oder muss). Helfen wird davon jedoch nichts, im Gegenteil. In anderen Lebensbereichen mag man mit Dreistigkeit und Rücksichtslosigkeit vielleicht voran kommen, vor Gott, dem Tod und Zugausfällen sind jedoch alle Menschen gleich. Wer sich aufregt, steigert nur sein Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen. Der einzelne Lokführer kann garantiert nichts dafür, wenn die Strecke auf Grund von Weichenstörungen gesperrt ist. Ihn anzubrüllen, sorgt nur dafür, dass auch noch jemand anderes schlechte Laune bekommt.

Kein Streik fällt vom Himmel, zumindest in unseren Breitengraden wird er früh genug angekündigt, so dass man sich drauf einstellen kann. Wenn ver.di den Nahverkehr bestreikt, lassen sich Alternativen finden. Man kann Termine verschieben, sich mit Auto fahrenden Kollegen absprechen oder einfach mal, wenn es geht, einen Home Office Tage einlegen — und es gibt sich noch weitere Möglichkeiten.

Über den Sinn eines Streiks kann man sicher diskutieren. Meine bescheiden Meinung an dieser Stelle ist recht eindeutig und parteiisch. Ein Streik muss weh tun, sonst erfüllt er nicht seinen Zweck. Wenn ein Bus, auf den ich unbedingt angewiesen bin, um von A nach B zu kommen, auf Grund eines Streiks nicht fährt, ist das sicher blöd. Viel schlimmer finde ich jedoch, wenn die Menschen, die für Bus und Bahn verantwortlich sind, nicht anständig bezahlt werden. Immerhin vertraue ich dem Busfahrer, der mich nach B bringt, in gewisser Weise mein Leben an.

Jetzt kann man mich natürlich auch mit Tomaten bewerfen und argumentieren, ich hätte als ICE-Fahrer gut Reden. Der aktuelle Streik würde mich schließlich nicht treffen. Teilweise ist das sogar richtig, nur in Essen würde ohne weiteres nicht vom Bahnhof weg kommen. Zu Fuß würde ich 30 Minuten brauchen. Macht mir Prinzip weniger aus, nur würde ich dann wohl mit einem Rucksack statt Umhängetasche besser beraten ein.

Allerdings gibt es auch Tage wie gestern und heute, wo sich die Verkehrsprobleme potenzieren. Gestern morgen gab es in Köln erst eine Stellwerkstörung, dann einen Schienenbruch auf der S-Bahn Strecke in Köln. Als Sahnehäubchen oben drauf werden derzeit noch die Gleise auf der Hohenzollern-Brücke saniert, so dass es in Köln auch einige Zugumleitungen über Deutz gibt. Den ICE 616 verpasste ich daher, weil die S 6 zwar pünktlich in Nippes eintraf, aber 100 m nach dem Bahnhof über 20 Minuten nicht vom Fleck kam. Zum Glück hatte der ICE 1223 etwas Verspätung, daher konnte ich diesen ab Deutz nehmen — der ist halt nur etwas voller und einteilig.

Heute sah die Situation dann etwa anders aus. Als ich um 7:45 Uhr am Bahnhof Nippes ankam, wimmelte es am Bahnsteig bereits vor Menschen. Die letzten 30 Minuten sei keine S-Bahn gekommen, hieß es. Durchsagen oder andere Informationen für die Fahrgäste spart man sich in Nippes. Gegen 08:05 kam dann auf Gleis 2 ein Zug, der eigentlich bis Worringen (die Gegenrichtung) fahren sollte. Der Lokführer hielt und wusste erstmal selber nicht weiter. Er würde auf Anweisungen warte, so sein lakonischer Kommentar. Nach dem sich die Leitstelle meldete, ließ der Fahrgäste Richtung Worringen aussteigen — nicht um uns in die Gegenrichtung zu bringen, sondern um den Zug ganz abzustellen. Der Bahnsteig war dann wirklich richtig voll.

Gegen 08:15 traf dann endlich eine S-Bahn Richtung Köln Hauptbahnhof ein. Die war bereits so voll, das ein vernünftiger Mensch nicht eingestiegen wäre. Manchmal muss man aber unvernünftig sein, sonst wäre ich wohl nie in Essen angekommen. Zumindest umfallen war in der S-Bahn nicht mehr möglich. Ich konnte breite abschätzen, dass ich den ICE 1223 nicht bekommen würde. Daher verließ ich die S-Bahn am Kölner Hauptbahnhof. Auf dem Bahnsteig zwischen Gleis 11 und 10 befanden sich so viele Menschen, dass es fast unmöglich war, die Bahn zu verlassen. Ab Köln nahm ich dann, mit etwas Wartezeit, den ICE 226 Richtung Amsterdam Centraal. Der fuhr dann spontan von einem anderen Gleis, war mit zwei Zugteilen von denen einer in Köln endete und hatte bei der Abfahrt dann schon 10 Minuten Verspätung. In Duisburg endete die Fahrt, wieder warten und dann mit dem Reginalexpress nach Essen. Vor dort bin ich dann von einem Kollegen mit PKW ins Büro geliefert worden. Uhrzeit der Zustellung: 10:15 Uhr. Zur Erinnerung, ich bin um 7:40 aus dem Haus gegangen.

Trotzdem habe ich keine schlechte Laune. Und das hat bestimmt wenig mit rheinischer Gelassenheit zu tun. Wohl aber mit Solidarität und Einsicht.

Nachtrag: Während ich das hier schreibe, rief ein anderer Kollege an, der mich zu einem Spaziergang gegen Feierabend (den ich vorziehen sollte) ermunterte. Auf Grund einer Bombentschärfung in der Innenstadt von Essen ist ab 16 Uhr mit erheblichen Behinderungen zu rechnen. Mein Shuttel-Service zum Hauptbahnhof hat daher wohl keine Chance, mit rechtzeitig abzusetzen. Und ich lächle immer noch.

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