Mief aus toten alten Seiten

Gestern ging die lit.cologne mit einem neuen Besucherrekord zu Ende. 101.000 Besucher wurde gezählt, was einer Auslastung von 97 Prozent entspricht. Der Literatur, so scheint, geht es gut.

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Zumindest in Köln. Es ließe sich auch anders formuliere: nach wie vor werden mit Begeisterung Bücher gelesen, obwohl sich die Schulen alle Mühe, einem die Lust auf Literatur gründlich und dauerhaft zu verleiden.

Anfang März stolperte ich über einen Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger mit dem Titel „Bücher von Gestern“, in dem es um die Bücher ging, die man aktuell den Schülern in der Oberstufe zu lesen gibt. Ich nahm den Artikel zur Kenntnis und legte ihn mir auf Wiedervorlage. Das Thema Schullektüre beschäftigt mich schon etwas länger. Sowohl als Autor als auch als (selbst-)verhinderter Deutschlehrer. Ein paar Tage später sah ich dann in einer Kölner Buchhandlung einen Büchertisch für Schulen. Das was sich darauf befand, sah durchaus ordentlich aus, eine gesunde Mischung, wenn auch keine wirklich aktuelle Literatur. Aber „Happy Birthday, Türke!“ von Jakob Arjouni ist, auch wenn von 1985, immerhin schon mal etwas. Keine typische Lektüre, die es zu meiner Zeit in der Schule gab.

Heute schließlich nahm ich mir das den Zeitungsartikel noch mal vor. Mit dem Kernlehrplan für die Sekundarstufe II kommt man dabei nicht sehr weit. Dort geht es abstrakt um die Kompetenzbereiche, Inhaltsfelder und Kompetenzerwartungen. Konkreter wird es in den „Vorgaben zu den unterrichtlichen Voraussetzungen für die schriftlichen Prüfungen im Abitur in der gymnasialen Oberstufe im Jahr 2014„, beziehungsweise in den schulinternen Lehrplänen. Aus den Vorgaben für den Abiturjahrgang 2014:

  • Friedrich Schiller, „Kabale und Liebe“ (1784)
  • Johann Wolfgang von Goethe, „Iphigenie auf Tauris“(1779)
  • Thomas Mann, „Mario und der Zauberer“ (1930)
  • Thomas Mann, „Buddenbrooks“ (1991)
  • Joseph Roth,“Hiob“ (1930)
  • Wolfgang Koeppens, „Tauben im Gras“ (1951)

Dabei zählt „Tauben im Gras“ bereits als Gegenwartsliteratur. Jakob Arjouni? Fehlanzeige. Romane, die man auf der lit.cologne erleben durfte? Nicht einen Hauch davon. Sicher kann man den Standpunkt vertreten, die ausgewählte Lektüre trage zur Allgemeinbildung dabei. Andererseits schlägt einem der Mief aus toten alten Seiten entgegen. Mit der Gegenwart und der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler haben die Bücher nicht zu tun. Eine Notwendigkeit besteht dabei nicht. Lust auf Literatur entsteht aber vermutlich anders. Meines Erachtens sollte es im Deutschunterricht nicht um Allgemeinbildung gehen, denn das ist Blödsinn. Es wäre auch illusorisch zu glauben, von dem, was dort an Lektüre derzeit behandelt wird, würde Wesentliches in den Köpfen hängen bleiben. Allgemeinbildung ist Ansichtssache und lässt sich bei Bedarf nachschlagen. Wichtiger wäre es, was aber weniger konform mit dem Lehrplan ist, Lust auf Literatur zu wecken. Das Gefühl für Wörter und Sprache zu fördern. Das gelingt kaum mit alten Werken, sondern mit Romanen, die wirklich aus unserer Gegenwart stammen. Spontan fallen mir drei Romane ein, die ich für den Einsatz im Deutschunterricht für geeignet halte:

  • „Grenzgang“ von Stephan Thome
  • „Quasikristalle“ von Eva Menasse
  • „Wir sind doch Schwestern“ von Anne Gesthuysen

Und es gibt noch eine Masse mehr. Ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung, so dass Ziel welches auch durch das Fach Deutsch erreicht werden soll, erreicht man nicht mit der Rezeption von Büchern, sondern mit der aktiven Auseinandersetzung mit der Materie. Mit anderen Worten: Freude an der Lektüre durch schreiben. Die Produktion vor allem auf „das konzeptgeleitete Verfassen von kohärenten Texten in Bezug auf komplexe fachliche Fragestellungen und anspruchsvolle Primärtexte“ zu verengen, verfehlt das Ziel um Längen. Kreatives Schreiben schafft einen völlig anderen Zugang zur Literatur. Wer sich selber, ob mit oder ohne Erfolg mal daran gesetzt hat, selber einen Roman zu schreiben, geht an die Lektüre von Büchern mit ganz anderen Augen heran. Nicht nur weil man die Arbeit eines Autors zu schätzen weiß, sondern weil das Augenmerk auf viele Feinheiten gerichtet ist, ohne das ein „Lektüreschlüssel“ dafür notwendig wäre.

Wer junge Menschen für Bücher, für Literatur begeistern will, muss sie dazu ermutigen, selber zu schreiben.

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