Ratloses Ringen mit dem Todesengel

Als Leser bin ich immer wieder davon beeindruckt, wie es Andreas Eschbach schafft völlig unterschiedliche Themen aufzugreifen und daraus einen Roman zu machen. Eschbach kann nicht nur hervorragende Science Fiction schreiben „Die Haarteppichknüpfer“ und „Quest“, oder sich vorzustellen, was wäre wenn („Das Jesus Video“, „Eine Billionen Dollar“), sondern er greift auch aktuelle Themen auf. Bei „Ein König von Deutschland“ zum Beispiel geht es um Wahlmaschinen und deren Manipulierbarkeit.

Auch angehende Autoren können sich von Eschbach mehr als nur eine Scheibe abschneiden. Um so ratlos lässt mich daher sein aktuellster Roman „Todesengel“ zurück.

Kurz zur Handlung. Ein Unbekannter geht um in Berlin, ergreift auf letale Weise Partei für die Schwachen und Opfer. Während weite Teile der Gesellschaft medial gepuscht ihm in Sympathie zujubeln, versucht die Polizei den Rächer zu fassen. Ihm auf der Spur sind auch die Angehöriger der Täter, die der „Todesengel“ zur Strecke gebracht hat. Mittendrin der Journalist Ingo Praise, vom absteigenden Ast ins Rampenlicht gespült, weil ihm die Top-Story zufiel.

Handwerklich gibt es nicht zum meckern an „Todesengel. Andreas Eschbach gelingt es von Anfang an, den Leser in den Bann der Handlung zu ziehen:

„Zivilcourage! Das Wort lag ihm quer, seit Evelyn es ihm ins Gesicht geschleudert hatte. Was verstand sie schon von diesen Dingen? Seine Schwiegertochter war ein Kind gewesen, als die Mauer gefallen war, und überdies im Westen aufgewachsen: Sie hatte die Zeit damals nicht erlebt.“
Auszug aus: Eschbach, Andreas. „Todesengel“

Der berühmte narrative Haken, hier kann man ihn gut spüren. Die Szenenwechsel sind schnell, man wird durch den Plot getrieben, spürt selber die Atemlosigkeit der Figuren, die Eschbach allesamt gelungen sind. Mal Thriller, mal Krimi, überall merkt man ihm die ordentliche Recherche an. Allein nur der Staatsanwalt ist ihm etwas zu klischeehaft geraten. Man sieht die unterschiedlichen Perspektiven, weiss um die Nöte von der Opfer, des Rachenegels wie man auch die Motive von Praise und dem Kriminalkommissar Justus Ambick.

Die ganze Zeit fragt man, während man sich vorkommt wie bei einer Achterbahnfahrt, wohin Eschbach den Leser mit hinnehmen wird, vor allem, welche Position der Autor selber in Bezug auf die Handlung einnimmt oder eingenommen hat. Machen wir niemanden etwas vor, in „Todesengel“ geht es um Selbstjustiz und die Frage, ob unser Rechtssystem den Opfern zur Seite steht oder aber, wie es deutlich im Buch anklingt, lediglich die Täter zu verstehen, die selber Opfer gesellschaftlicher Umstände geworden sind. Eschbach bewegt sich damit auf ein gefährliches Paket. Zwar zeigt er die Auswüchse der Medien, aber über weite Strecke bleibt man als Leser alleine mit der Frage, was denn nun richtig ist. Kümmern sich die Gesellschaft wirklich zu wenig um die Opfer? Und wenn ja, wie sie eine mögliche Lösung aus? Die Katharsis von Praise ist eher ein missglücktes Romanende denn eine befriedigende Antwort.

In meiner eBook-Aussgabe gab es im Anhang ein Interview dem Kriminologen Prof. Dr. Christian Pfeiffer. Für mich wirkte das Interview befremdlich, wie er versuch, doch noch die Kurve zu kriegen. Abgesehen davon ist Pfeiffer nicht nur bekannt, sondern auch ziemlich umstritten mit einigen seiner Thesen — aber das nur am Rande.

„Todesengel“ wühlt auf, reisst mit und ist auf jeden Fall ein spannendes Buch. Das Problem ist einfach nur, dass die Thematik selber zu brisant ist, als das ihr Eschbach mit seinem Plot gerecht wird. Komplexe Probleme haben leider auch häufig komplexe Lösungen. Besonders gefährlich wird es, wenn man als Leser Sympathie für die Figur des Antagonisten empfindet. Wenn man nicht nur nachvollziehen kann, warum der „Todesengel“ zuschlägt, sondern es auch noch gut heißt. Das kann und wird durchaus bei einem Teil des Publikums passieren und Eschbach gelingt es nicht, Leser, die durch die Handlung auf das falsche Gleis geraten sind, wieder in die richtige Spurt zu bringen.

Jeder Roman, jede fiktive Handlung kann auf die einer oder andere Art ausgelegt werden. Kein Autor ist per se verantwortlich für die Arten der Interpretation seiner Werke. Eschbach macht es einem mit „Todesengel“ allerdings ein Stück weit zu leicht, falsch verstanden zu — zumindest hoffe ich, das Befürworter der Selbstjustiz ihn falsch verstanden haben.

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