Karl May flog zum Mond

Wenn ich mir ein Buch kaufe, und das mache ich relativ regelmäßig, dann weiß ich genau, warum. Also nicht warum ich mir ein Buch kaufe, denn das ist klar. Ich will es lesen. Das Warum bezieht sich eher auf Genre, Autor, Titel und natürlich die Geschichte.

Es gibt Bücher, über die erfährt man durch Feuilleton. Durch Rezensionen in Magazin oder aber man lernt die Autoren auf einer Lesung kennen. Möglich ist auch, dass es ein bestimmtes Setting gibt, was neugierig macht. Oder vieles mehr. Was sich abschweifend anhört, ist lediglich mein verzweifelter Versuch mir selber zu erklären, warum ich mir „Krieg um den Mond“ von Klaus Seibel gekauft habe.

Zufällig in einer Buchhandlung bin ich jedenfalls nicht darüber gestolpert, so viel steht schon mal fest — das Buch Selbstverlag erschienen und schafft es wohl eher nicht in den normalen Buchhandel. Warum ich vor acht Tagen „Krieg um den Mond“ und den Nachfolger „Das Erbe der Menschheit“ gekauft habe, weiss ich nach wie vor nicht. Erst hatte ich das Magazin „Bücher“ in Verdacht, aber in der letzten Ausgabe wurde Seibel mit keinem Wort erwähnt.

Nun könnte man, wenn man sagen wir mal zufällig, einen interessante lesenswerte Entdeckung macht, einfach dankbar sein und sich über ein gutes Buch freuen. In diesem Fall ist es jedoch so, dass ich jemanden suche, dem ich die Schuld in die Schuhe schieben kann für diesen gnadenlosen Fehlkauf. Um es gleich vorweg zu nehmen und ungeduldigen Lesern Zeit zu sparen: Ich halte sowohl „Krieg um den Mond“ als auch „Das Erbe der Menschheit“ für grandios überbewertet (bezogen auf die Sterne bei Amazon), sondern auch für handwerklich schlecht gemacht. Auch derzeit mein Hauptinteresse dem Genre „Krimi“ gilt, so habe ich doch im Laufe meines bisherigen Lebens einiges an Science Fiction Romanen verschlungen. Und dabei waren richtig gute. Wenn es also jemand bei Amazon schreibt, „Krieg um den Mond“ wäre „Gut gemachte Science Fiction“, dann ist es zumindest für mich etwas, was ich keiner Weise nachvollziehen kann.

Kurz und schmerzlos zur so genannten Handlung. Auf dem Mond wird eine Schraube gefunden, die wohl irgendwo locker war. Nach anfänglichen Versuchen der Vertuschung und Geheimhaltung durch die Amerikaner erfährt die Öffentlichkeit davon. Vorweg gab es einen geheimen Krieg zwischen den USA und China — jede der beiden Nationen versuchte, als erste auf den Mond zu kommen um die Schraube zu bergen. Letztendlich gibt es einen gemeinsame Mission aller Nationen. Bei einem späteren bemannten Flug zum Mond werde nicht etwas Botschaften von Außerirdischen gefunden, sondern das Erbe der erste Bewohner des Planeten Erde, den „Lantis“. Wohl kaum aus Zufall erinnert das an das sagenumwobene Atlantis. Die Lantis, so will es die Phantasie von Seibel, haben vor 50 Millionen Jahren auf der Erde gelebt und sind zusammen mit den Dinosauriern durch den Einschlag eines Kometen ausgelöscht worden. Wer den Plot jetzt für wenig originell hält muss sich nicht schämen, denn er hat recht.

„Abschalten! Abschalten!“, brüllte Gordon.
Von einer Sekunde auf die andere war seine Müdigkeit wie weggeblasen. Eine Woge Adrenalin überschwemmte seinen Körper.
„Abschalten!“, brüllte er wieder, aber niemand führte seinen Befehl aus. Was nützte es, der Leiter eines großen Teams zu sein, wenn niemand da war, dem man Anweisungen geben konnte.“
Auszug aus: Klaus Seibel. „Krieg um den Mond“ — erstes Kapitel

Die Unmenge an handwerklichen Fehler von Seibel aufzuführen wäre müßig, zumal sich viele davon hätten vermeiden lassen, wenn man Grundlegendes aus Schreibratgebern berücksichtigt hätte. Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen guter Recherche, die geschickt in die Handlung einfließt und seitenlangen Infodumps. Letztere beherrscht Seidel wirklich perfekt. Das ist alles andere als unterhaltsam, sondern einschläfernd. Wikipedia Einträge zum selben Thema sind zum Teil spannender als die Ausführungen

Die auftauchende Figuren sind grobe Holzschnitte, übliche Klischees wären vermutlich dreidimensionaler als das, was bei „Krieg um den Mond“ durch die Handlung stolpert. So zum Beispiel Walter Bullrider, der amerikanische Astronaut im internationalen Team.

Auf dem muskulösen Körper mit den breiten Schultern saß ein weiteres Rechteck: der Kopf. Die Haare
Auszug aus: Klaus Seibel. „Krieg um den Mond“

Es tauchen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen auf, Amerikaner, Chinesen, Deutsche (na klar), Russen — sie alle wirken so authentisch wie das Ensemble bei Karl May. Es schreibt jemand über Dinge und Orte, die er niemals in seinem Leben selber gesehen hat. Die Amerikaner bei Seibel wirken deutscher als eine Kuckucksuhr. Die Chinesen kommen bei Seibel dermaßen übel davon, dass einem beinahe der Vorwurf von Rassismus auf der Zunge liegt. Mindestens werden hier Vorurteile und Halbwahrheiten aufgegriffen und genüsslich breitgewalzt.

Wenn man wollte, könnte man von anderen Autoren lernen, wie sich gute Science Fiction anfühlt. „Quest“ von Andreas Eschbach, „Die Hyperion-Gesänge“ von Dan Simmons, „Sternenspringer“ von Nancy Kress oder „Die Stadt am Ende der Zeit“ von Greg Bear um ein paar Beispiel zu nenne. Bei den Genannten würde man auch erkennen was es heisst, wenn jemand wirklich flüssig schreibt.

Kleiner Tipp noch an Herrn Seibel, falls er denn hier über diesen Text stolpern sollte (bei der Internetaffinität, die einem zwischen den Zeilen im Buch herausspringt und dem Umstand, dass viele Autoren wissen, wie „Google Alerts“ funktioniert, durchaus nicht unwahrscheinlich): ständig neue Figuren in die Handlung zu werfen, nur weil man gerade an bestimmten Stellen im Plot nicht weiter kommt, ist eigentlich ein typischer Anfängerfehler.

Das wohl einzig Positive an „Krieg um den Mond“ ist Preis. Die 3,99 Euro für die eBook Ausgabe kann man verkraften. Zudem lässt sich die Datei hinter rückstandslos löschen, was weniger Gedanken erfordert, als würde man ein gedrucktes Exemplar wegwerfen.

Noch ein kurzer Nachtrag. Zusammen mit „Krieg um den Mond“ habe ich mir auch den zweiten Band „Das Erbe der Menschheit“ gekauft. Wohl im Glauben damit eine komplette Geschichte zu haben. Dem ist nicht so, denn es wird einen dritten Band geben, vermutlich fortgeführt an der Stelle, wo das „Das Erbe der Menschheit“ offen endet. Der zweite Band ist gut um die Hälfte kürzer als der erste Teil und erinnert mich weitgehend an eine schlechte Kopie von „Jurassic Park“ — aber waren es nicht die Chinesen, die alles kopierten?

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