Die Autorin als Rampensau

Halten wir zunächst fest, dass Sibylle Lewitscharoff sich am vergangenen Sonntag mit ihrer Rede im Staatsschauspiel in Dresden nicht um die Nachfolge von Kardinal Meissner beworben hat. Und das obwohl ihre Äußerungen den gleichen rückwärtsgewandten Sound hat. Sie wollte mit ihrer Rede — was wollte sie eigentlich genau? Bei allem die Wirbel, den ihre Äußerungen zur recht erzeugt haben, fehlt genau das, die Absicht. Wenn es darum ging, sich selber wieder ins Gespräch zu bringen, so ist ihr das zumindest trefflich gelungen. Wobei da die berechtigte Frage wäre, ob man dies unbedingt à la Sarrazin machen muss oder ob es nicht ein paar Nummern kleiner geht. An geistigen Brandstifter mangelt es hierzulande zumindest nicht.

Vielleicht, so mag man sich schützend vor Lewitscharoff stellen, ist es einfach eine Frage des Alters. Martin Walser hat es getan,Günter Grass und warum nicht mal zur Abwechslung eine Frau, die richtig vom Leder lassend ihr Publikum und die Gesellschaft provoziert. Mache sogar bis zur Weißglut. Meinungsfreiheit, so wissen wir, beinhaltet auch das Recht auf Dummheit. Als Autorin kann man sich durchaus benehmen wie eine Rampensau. Den guten Ton freilich trifft man damit nicht. Darüber hinaus gibt es auch so etwas wie einen gesellschaftlichen Konsens über Dinge, die man sagen sollte und welche, die man besser für sich behält. Das hat nichts mit Zensur und Meinungsfreiheit, wohl aber viel mit Anstand zu tun. Es gute Gründe, warum man nicht immer sagen sollte, was man denkt und nicht immer denken sollte, was man sagt. Andererseits wissen wir jetzt, wo Sibylle Lewitscharoff steht. Sie hat ihre Position deutlich gemacht, ganz ohne sich hinter literarischen Figuren zu verstecken.

Das Problem an medial befeuerten Empörungsschleifen ist immer, wie schnell das, was eigentlich gesagt wurde, untergeht. Der Trend geht eindeutig zu Meinungen aus dritter Hand. Auf gleiche Weise, wie man andere für sich kochen lässt und sich dabei über den Zeitgewinn freut, es selber nicht mehr tun zu müssen, passiert es auch beim denken. Nicht obwohl, sondern gerade weile es Mühe macht, sollte man sich die Stellen der Rede von Lewitscharoff, an denen sich vielen reiben, selber ansehen. Thema ihres Vortags war „Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“. Grundsätzlich erstmal unverdächtig, vor allem aber spannend und aktuell, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass erst kürzlich über Sterbehilfe für Kinder entschieden wurde. Die erste Teil ihrer Rede, die man bei Spiegel online dankenswerterweise im vollen Umfang zum nachlesen vorfindet wirkt einschläfern. Immer wieder der Verweis auf biographische Bezüge. Einzig die Frage, wie sie den Bogen zum eigentlich Thema hinbekommen wird, hält einen bei der Stange.

Zum ersten ins Stolpern gerät man beim nachlesen ihrer Rede an der Stelle, wo es wirklich konkret wird. Wo Lewitscharoff von den modernen Möglichkeiten der Schmerzlinderung ausgehend unmittelbar an die Möglichkeiten der Lebensverlängerung im Alter anknüpft. Wo sie unsachgemäß solcherlei miteinander vermischt und gleichzeitig ihre persönliche Position, die sie vorher ausführlich biographisch dargelegt hat, als einzig richtige Position gelten lässt. Jeder Mensch für sich selber sollte das Recht und die Freiheit haben, ganz für sich allein zu entscheiden, ob er lebensverlängernde Maßnahmen in Anspruch nimmt oder nicht. Das Thema Organspende und die Kriterien für den Zeitpunkt einer Entnahme, sind was ganz anderes und sollten nicht mit lebensverlängernden Maßnahmen oder der Frage, ob Morphium zu Schmerzlinderung verabreicht werden sollte oder nicht, vermengt werden. Der schon manisch wirkende Religiosität von Lewitscharoff schimmert daher im Folgenden durch:

Mir ist, sowohl was das Leben anlangt als auch den eigenen Tod, die um sich greifende Blähvorstellung der Egomanen, sie seien die Schmiede ihres Schicksals, sie hätten das Schicksal in der Hand, seien gar die Herren über es, zutiefst zuwider.

Es spricht, so ließe es sich auf den Punkt bringen, den Menschen das Recht auf freien Willen und Entscheidung ab. Bereits an dieser Stelle kann man grundsätzlich anderer Meinung sein als Sibylle Lewitscharoff, die noch eine gewagtere These drauf legt. Wer Herr über seine Entscheidungen ist, sei in dieser Logik auch Schuld an seinem Elend und seinem Leiden.

Nach Ausführungen über Gott, die Bibel und die Erbsünde geht es weiter mit dem Tod. Viel Tod, viel Leiden und eben auch Schuld. Ein Weg über Patientenverfügung, Selbstmord und pränatale Diagnostik, der schließlich dann zu den Skandalstellen kommt, die durch die Medien gingen. Bis dahin hat Lewitscharof, so kann man nicht anders feststellen, bereits viel verbrannte Erde hinterlassen. Vorab aber gelingt es Lewitscharof, Abtreibung teilweise für verabscheuungswürdig zu erklären und die Frauenbewegung mit der deutschen Frauentümelei aus der NS-Zeit zusammen zu bringen. Dann der vorbereitete finale Schlag:

Der eigentliche Horror resultiert für mich dabei nicht nur aus den vorher kurz umrissenen Fällen der ärztlichen Warnung vor einer möglichen Missbildung des Kindes, sondern aus den Methoden, auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen. Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner, haben ein sauberes Arztkittelchen an und werkeln nicht mit brodelnden Glaskolben und in einer mit giftigen Dämpfen erfüllten mittelalerlichen Bogenhalle. Es geht dabei sehr rein und fein und überaus vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.

Eine deutliche Ablehnung der Reproduktionsmedizin verbunden mit der Aussage

Früher habe ich mich über das drastische biblische Onanieverbot gern lustig gemacht, inzwischen erscheint es mir geradezu als weise.

Wobei das, so viel Fairness muss sein, im direkten Zusammenhang mit der Reproduktionsmedizin zu verstehen ist und nicht isoliert betrachtet werden kann. Künstliche Befruchtung so, wird im weiteren Verlauf der Rede deutlich, lehnt Lewitscharoff grundsätzlich ab. Daraus leitet sich konsequent nur eine Möglichkeit ab, Kinder zu zeugen durch den unmittelbaren Geschlechtsverkehr von Mann und Frau. Alles, was dann den weiteren Verlauf der Schwangerschaft angeht, liegt dann in Gottes Hand. Und wenn das Kind dann mit schweren Behinderungen zu Welt kommt, dann halt es halt so sollen sein.

Gleichgeschlechtlichen Partnerschaften spricht Lewitscharoff auf diese Weise das Recht ab, sich einen Kinderwunsch zu erfüllen. Einen weiteren, sehr belastenden Teil ihrer Rede kann man nicht anders als im längeren Zusammenhang wiedergeben, denn auch hier wäre eine Verkürzung ungerecht:

Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe, das ist klar, übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.

Viel zu oft wurde an dieser Stelle nur in Bezug auf Reproduktionsmethoden die Aussage, dass solche Kinder „Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“ zitiert. Man kann Lewitscharoff viel vorwerfen, aber wie bereits erwähnt, besteht die Pflicht zur Fairness. Sie bringt deutlich ihr Unwohlsein über ihre eigene Aussage zum Ausdruck.

Der Rest der Rede verläuft eher plänkelnd, Lewitscharoff versucht noch zu einem versöhnlich wirkenden Schluss zu kommen in die sie abschließend dem Frieden und die medizinische Versorgung preist, denn dank beidem führten wir doch hier ein Leben, dass wir glücklich schätzen sollten.

Und dann fällt der Vorhang mitten rein in die Betroffenheit. Dahinter eine Autorin, die sich weit, sehr weit aus dem Fenster gelehnt hat und so wirkt, als sei sie etwas darüber erstaunt, welcher Wind ihr plötzlich entgegen bläst. Es klingen nicht nur Teile ihre Rede fundamentalistisch und undifferenziert, es ist die ganze Rede an sich. Es sind auch nicht wenige Zitate, an denen man sich stoßen könnte, wenn man sie aus dem Kontext risse, sondern alles. Sibylle Lewitscharoff hat ihre eigenen kleinbürgerlichen Ängste zum Ausdruck gebracht und ihr wertkonservatives Weltbild zur ethischen Leitlinie erhoben. Dabei schreckte sie nicht vor unsäglichen Nazi-Vergleichen zurück.

All das ist im Rahmen der Meinungsfreiheit sicher legitim, wie bereits einleitend festgestellt. Es bleibt bei all dem Gesagten und Geschriebenen deutlich als zuvor Frage offen, wozu das Ganze. Weshalb die Provokation? Eins steht auf jeden Fall fest. Zufall war hier nicht im Spiel, es gab auch keinen verbalen Ausrutscher oder ein Versehen. Genau so wenig liegt ein einfaches Missverständnis vor. Betrachtet man die gesamte Rede, ist Stoßrichtung zu eindeutig. Die Provokationen sind bewusst gesetzt. Über Sibylle Lewitscharoff schrieb der Spiegel im Juni 2013 etwas bemerkenswertes:

Könnte es sein, dass sie einfach eine vom Reinlichkeitswahn der schwäbischen Hausfrau getriebene Langeweilerin ist?

Das wirkt erfrischend aktuell. Am besten wird es sein, Lewitscharoff den Stempel „Quartalsirre“ zu verpassen, mit den Schultern zu zucken und das alles typische Deutsch unter den Teppich zu kehren. Alles andere würde der Autorin mehr Aufmerksamkeit einbringen, als sie verdient. Das Schlimmste, was man nämlich einer Rampensau antun kann, ist sie zu ignorieren. Ganz so wie der Klassenclown, der von alleine wieder ruhig wird, wenn niemand mehr hinsieht und keiner über seine Witze lacht.

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