Son(n)tags Krimi

Hätte der Tag gestern einen anderen Verlauf genommen, würde ich heute mit ziemlicher Sicherheit über ein anderes Thema schreiben. So aber verschob sich mein kleiner Bericht über die Lesung von Carla Berling am Freitag etwas.

Als ich die Karten für meine Frau und mich kaufte, hatte ich den Namen der Autorin nicht mehr auf dem Schirm. Möglicherweise liegt es auch daran, dass ich sie bisher nicht in der Kategorie Krimi eingeordnet hatte. Eigentlich kein Wundern, denn „Sonntags Tod“ ist ihr erster Krimi (aber nicht ihr erstes Buch). DER CHEF wusste es selbstverständlich besser und erinnert mich daran, dass wir beide der Autorin bereits begegnet sind. Da ich die meisten Sachen wieder vergesse, schreibe ich mir sie auf. Unter anderem ein Grund, warum es diesen Webblog gibt. Denn über die Suchfunktion stieß ich hier auf einen Artikel von mir im Oktober 2012.

Obwohl mir das Buch von Carla Berling, „Vom Kämpfen und vom Schreiben“ damals gut gefallen hatte (zumindest hab ich es so geschrieben), befindet es sich nach wie vor noch nicht im meinem Besitz. An dem Umstand sollte ich unbedingt etwas ändern. Immerhin, meine Frau und ich habe ihren ersten Krimi am Freitag gekauft — aber dazu später mehr.

Veranstaltungsort der Lesung war die Mayersche Buchhandlung in Nippes. Dort las Berling schon häufiger und selbst ich erinnere mich daran, über ihren Namen schon mal in einer Programmankündigung gestolpert zu sein. Die Mitarbeiter der Buchhandlung hatte optimistisch viele Stühle aufgebaut, was Berling zu einem selbstkritischen Kommentar veranlasste. Sie gab sich nicht ganz so überzeugt von der Anzahl der Zuhörer. Tatsächlich waren am Ende die Hälfte der Plätze belegt. Und, das sollte man an dieser Stelle betonen, niemand von den Zuhörern ist vorzeitig gegangen, obwohl es keine Pause gab und der Kaffeautomat im Rücken für eine merkwürdige Geräuschkulisse sorgte.

Über den Krimi wusste ich im Vorfeld nur eins. Er spielt in Ostwestfalen, genauer gesagt in Bad Oeynhausen, wo auch meine Frau „wech kommt“, wie die Einheimischen sagen. Zu diesen zählt eben auch Carla Berling trotz ihrer nachgeschobenen rheinländischen Sozialisation. Wer in Ostwestfalen aufgewachsen ist, wir das nicht mehr wieder los. Ein Bisschen kann ich das beurteilen, denn 18 Jahren Bielefeld haben auch bei mir Spuren hinterlassen und das, ob wohl ich nicht von da her komme.

Bad Oeynhausen also und das nähere Umfeld wie Rehme. Ein Setting wie geschaffen für einen Lokalkrimi, wobei Berling Wert auf die Feststellung legt, keinen solchen geschrieben zu haben. Die Handlung, so Berling, könne genau so gut auch woanders spielen und schließlich sei ein Krimi, der zufällig in Paris spielt, auch kein Lokalkrimi. Ich denke, diese Aussage kann man durchaus so als Krimiautor unterschrieben. Allerdings gibt es Zeitgenossen wie den gewichtsbenachteiligten Mann im Publikum, der damit eher wenige einverstanden war. Mehrfach betonte er nach der Lesung, dass ihm in den von der Autoren vorgetragenen Kapitel zu wenig Lokalkolorit vorgekommen sei.

Einleitend erzählte Berling, wie sie zum Krimi an sich gekommen war. Eigentlich wollte sie nie einen geschrieben haben — kenne ich nur zu gut. Schließlich entschied sie sich dafür, keinen zu schreiben, der mit den üblichen Hauptfiguren ausgestattet ist, wie Privatdetektiv, Rechtsmediziner, Staatsanwalt oder dem typischen Ermittlerduo bei der Polizei. ihre Hauptfigur ist Journalistin, was die Ausgestaltung des Figurenhintergrunds insofern einfacher für Berling machte, da sie selber lange Zeit journalistisch tätig war. Der Fall, um dem es in „Sonntags Tod“ geht, basiert sogar auf einer Reportage von Berling in der Neuen Westfälischen. Diesen Artikel hatte Berling als Fotokopie zum mitnehmen für das Publikum ausliegen. Für mich als Autor ein sehr spannender Blick in die Werkstatt. Berling schilderte auch, wie sie die Handlung für den Krimi, ausgehend von den fiktiven Biographien der Haupthandlungsfiguren, entwarf — sehr systematisch plottend, vom Groben zum Feinen.

Der Geschichte hinter einer Schlagzeile nachzugehen, sich vorzustellen, was vor der Tat war, wie es dazu kam und welches Leben die Personen, aus denen im Rahmen einer fiktiven Handlung Figuren werden, es jener magische Prozess beim schreiben, der immer wieder aufs Neue spannend ist für jeden Autor. Einige meiner Kurzgeschichten basieren auf der gleichen Vorgehensweise. Ein Zeitungsartikel verbunden mit den fragen, die sich daraus ergeben. Auch mein aktueller Krimi, an dem ich derzeit noch schreibe, hat so etwas als Keim.

Zurück aber zu „Sonntags Tod“. Die Handlung setzt ein, als die Hauptfigur Ira Wittekind für eine Beerdigung zurück in den Ort ihrer Kindheit und Jugend kehrt. Ein Hotelier tötet seine Frau und anschließend sich selber. Ira war mit seiner Frau damals gut befreundet. Noch in der gleichen Nacht ist Ira dabei, wie eine Polizeistreife eine verweste Leiche in einer völlig verwahrlosten Wohnung findet. Der zunächst unbekannte Tote stammte, wie sich herausstellt, aus dem gleichen Ort wie Ira.

Gelesen habe ich den Krimi noch nicht, dass steht noch aus. Es ist dem entsprechend nur ein erster Eindruck, den ich hier festhalten kann. Das Setting ist interessant, die Handlungsorte haben meiner Frau auf jeden Fall schon mal sehr gut gefallen (und waren für sie ein echtes Kaufargument). Für meinen Geschmack lässt sich der Krimi anfangs etwas zu viel Zeit. Die Beerdigung ist ausführlich, vielleicht sogar zu ausführlich. Ein Stück weit vermisse ich den narrativen Haken. Hätte ich die ersten Sätze in einer Buchhandlung selber gelesen, würde mich die Handlung und der Krimi kalt lassen. Es dauert zu lange, bis die Geschichte Fahrt aufnimmt. Als Autor sollte man sich immer verdeutlicht, dass die Sehgewohnheiten in Bezug auf Filme eine Rückwirkung auch auf das Lesen haben. Kürzere Kapitel, schneller Szenen und Wechsel. Wie man mit dieser Methode Geschwindigkeit erzeugt, kann man ziemlich gut bei Andreas Eschbach und seinem neusten Roman „Todesengel“ erleben.

Statt eines Fazit, was deutlich zu früh wäre, abschließend statt dessen die Widmung für meine Frau, die Carla Berling ins Buch schrieb: „Wo kommste wech?“ — das ist auf jeden Fall stark ostwestfälisch gefärbt.

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