What’s Up, Ukraine?

An manchen Tagen geben Teile meiner Mitmenschen berechtigten Anlass, an ihrem Mitgefühl und ihrem Verstand zu zweifeln. Gestern war einer dieser Tage. Während Scharfschützen der Polizei in Kiew (Ukraine) Menschen erschießen gibt es Deutschland ein wichtigeres Thema.  Fleißig wurde über den Facebook-Deal diskutiert. Für 19 Milliarden Dollar kaufte das US-amerikanische Unternehmen den Kurznachrichten Dienst WhatsApp.

Empörung macht sich breit. Nicht etwas über das, was in der Ukraine passiert, sondern über die angebliche Gefahr, von Facebook ausspioniert zu werden. Schnell kursierten alternative Dienste und ihre Apps, um vom nun bösen WhatsApp weg zu kommen. Wer sich gestern ernsthaft über WhatsApp empörte und den Aufkauf durch Facebook zum Anlass nahm, WhatsApp zu deinstallieren, muss schon wirklich sehr dumm oder sagen wir mal unbedarft sein. In den letzten Monaten und Jahren gab es immer wieder Nachrichten über Sicherheitslücken bei WhatsApp. Zudem warnen Datenschützer schon lange vor dem Missbrauch dessen, was man über den Dienst von sich gibt. So stufte Stiftung Warentest 2012 WhatsApp als „unsicher“ und „kritisch“ ein. Durch den Eigentümerwechsel wird das also erstmal nicht schlimmer — allerdings auch nicht unbedingt besser.
Jeder, wirklich jeder, der Gratisdienstleistungen nutzt, sollte sich immer die Frage stellen, wo mit das Unternehmen, welches seine Dienste „kostenlos“ anbietet, eigentlich Geld verdient. Mitarbeiter wollen ebenso bezahlt werden wie Stromrechnungen, Miete und Serverkosten. Am Ende ist es oft so, dass man als Kunde das eigentliche Produkt ist (bzw. die Daten, die man freiwillig von sich gibt).
Das aber nur am Rande, denn der eigentliche Skandal liegt wo anders. Gerne reden wir davon, dank Internet in einem globalen Dorf zu leben. Viel zu spüren davon war gestern nichts. Wenig Aufregung, wenn tausend Kilometer weiter Menschen ihr Leben verlieren. Das was dort in der Ukraine passiert ist schlimm, wirklich schlimm, anders als der Facebook-Deal. Aber es interessierte gestern deutlich weniger Menschen.
Auf der Titelseite des Kölner Stadt-Anzeiger steht heute „Polizei erschießt Demonstranten“ und dann deutlich kleiner ein Hinweis auf Facebook. Im Innenteil stehen dann beide Themen gleichberechtigt  nebeneinander. Auch das hinterlässt ein komisches Gefühl.

 

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