Ein Text ist niemals ein Buch

Ein Text ist niemals ein Buch

Ein Feuerwagen ohne Pferde, der andere Wagen hinter sich zieht. Qualm umhüllt ihn und ein unheimliches Leuchten, eine Ausgeburt der Hölle. Es kann nur das Werk des Teufels sein, warnte der Pfarrer seien Gemeinde. Andernorts empfahl ein Arzt vor dieser neuen Art der Fortbewegung. Schneller als 30 Kilometer die Stunde sei gesundheitsgefährdend und wider der Natur des Menschen.

Skepsis und Rückständigkeit treten immer dann auf, wenn die Gesellschaft vor einem Umbruch steht, die neue Erfindungen und Entwicklungen mit sich bringen. Die Eisenbahn, um die es im ersten Absatz geht, ist nur eines der vielen Beispiele. Erst im Rückblick erkennt man, welche Vorteile sie hat und das parallel zu anderen Arten der Fortbewegung existieren kann.

An diese sBeispiel, vor allem an die Art, wie sie bei ihrem Aufkommen verdammt wurde, musste ich denken, als ich den Text von Friedrich Forssman, „Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt“ las. Auf einem Gerät, mit dem ich normalerweise meine E-Books lese, da der Text von Forssman natürlich nicht gedruckt und gebunden erhältlich war — aber das nur am Rande.

Forssmans Text hat hohe Wellen geschlagen, was er mit Sicherheit auch erwartet hat. Andernfalls wäre er sehr blauäugig. Persönlich gut hat mir die Antwort von Zoe Beck gefallen: Das eBook aka „Das Böse“.

Die Aussagen von Forssman selber sind dabei eine wüste Sammlung, die man mittels Buchpresse versucht hat zu Argument zu pressen, die gegen das E-Book als solche sprechen. Sie passen aber einfach nicht zusammen und diese Art der unsauberen Argumentation wendet sich letztendlich gegen Forssman selber. Böswillig wäre es, wenn man Forssman seine Profession vorwirft. Er ist halt nur jemanden, der Bücher gestaltet, ihren Inhalten eine physikalische Form verleiht. Das was in ihnen enthalten ist, stammt von Autoren. Vielen von ihnen haben aus gutem Grund eine ganz andere Sichtweise auf E-Books. Als Leser aber eben auch als Erzeuger der Texte. Ideen, Geschichten Romane leben unabhängig von ihrer physikalischen Form. Das war schon vor langer Zeit so und wir auch in Zukunft genau so sein.

Märchen, zum Beispiel, wurden mündlich überliefert. Dann von Menschen wie den Gebrüder Grimm gesammelt, verschriftlicht und schließlich gedruckt. Mittlerweile gibt es sie, wie viele andere Texte auch, digital und frei verfügbar im Rahmen des Projekts Gutenberg. Ist das auch ein Werk des Teufels, Herr Forssman?

Natürlich macht es Spaß, ein gedrucktes Buch in die Hand zu nehmen. Durch die Seiten zu blättern, es zu riechen — was gerade bei älteren Büchern ein sinnliches Erlebnis sein kann. Ein gedrucktes Buch erfährt in der Hand seines Besitzers eine Wandlung, hin zu einem Einzelstück. Die Spuren des Gebrauchs finden sich an und in ihm wieder. Ein Kaffee-Fleck auf Seite 87, etwas Sonnenmilch am Einband vermischt mit dem Handschweiß, als man es in der stickigen Wartehalle nicht zur Seite legen konnte, weil es gerade so spannend war. Ein E-Book ist in dieser Hinsicht charakterlos. Trotzdem ist der Text immer der Text. Wie ich ihn als Leser zu mir nehme, sollte mir überlassen bleiben.

Sowohl als Leser als auch als Autor schätze ich sowohl das gedruckte Buch als auch das E-Book. Beide Medien haben ihre Vor- und Nachteile. Sicher, bei E-Books gibt es so Dinge wie Kopierschutz. Aber das kann man doch nun wirklich nicht als Argument gegen E-Boosk generell ins Feld führen.

Zu behaupten wie Forssman, E-Books seien gänzlich ungeeignet für die Badewanne, ist als weitere Einwand gegen das Medium geradezu lächerlich. In meinen über 40 Lebensjahren habe ich bisher kein einziges gedrucktes Buch mit in die Badewanne genommen. Es würde nass werden, ins Wasser fallen und beim umblättern äußerst unpraktisch zu handhaben. Andererseits, für ein E-Book Reader gibt es wasserdichte Hüllen, mit denen man sogar 20 Meter unter Wasser noch seinen Krimi weiter lesen kann. Umblättern geschieht hier auf völlig andere Art und weise als bei einem gedruckten Buch, daher ist ein E-Book badewannentauglicher.

Aus Friedrich Forssmans Artikel schlägt einem der Trotz entgegen. Dabei ist er es, der den Zug nicht hört, welche längst ohne ihn abgefahren ist. Schade ist auch , dass Forssman zu blind ist um zu erkennen, dass digitale Bücher ein Teil der 2. Gutenberg’sche Revolution sind. Elektronisch werden Ideen und Gedanken noch schneller einem noch größeren Publikum verfügbar gemacht. Gleichzeitig kann jeder Leser auch selber zum Autor werden, seinen Texte anderen mühelos und kostengünstig verfügbar machen. Es ist der Schritt weg vom elitären, nur Mönchen vorbehaltenen (ab)-schreiben von Büchern hin zu einer egalitären Form des Publizieren. Und das kann natürlich Angst machen.

Ein Text, ein Roman, eine Idee, ist niemals ein Buch. Genau so wenig wie ein Glas mit Milchkaffee gleichzusetzen ist mit seinem Inhalt. Form und Inhalt können eine Einheit bilden, genauso können sie aber auch getrennt betrachtet werden. Milchkaffee geht auch aus einem Pappbecher — ob das unbedingt besser schmeckt, steht dann auf einem anderen Blatt.

9 Replies to “Ein Text ist niemals ein Buch”

  1. Für mich gibt es einen sehr banalen Grund, keine eBooks zu erwerben. Es geht nicht. Ich gebe kein Geld für ein „zeitlich beschränktes, eingeschränktes Nutzungsrecht“ aus, das man mir jederzeit wieder wegnehmen kann. Wenn sich der Minderwert im Preis widerspiegeln würde, könnte man drüber nachdenken, aber so…

    1. Mal ganz blöd gefragt: welche Nutzungsrechte hast du denn am Film, wenn du ins Kino gehts? Acht Euro oder mehr für rund zwei Stunden Unterhaltung…

  2. Das mit den Rechten betrifft doch nur das Amazon-Konzept?
    Ich habe mir den Kindle wegen der englischen Bücher gekauft. Die meisten Bücher, die ich damit gelesen habe, waren welche vom Schlag der Jack Reacher Serie. Also Literatur, die ich einmal lese und nicht als Ausweis meiner Bildung im Regal stehen haben brauche. Da bin ich über beschränkte Nutzungsrechte ganz dankbar.

    1. Eben, Amazon ist da erheblich stringenter als andere Buchverkäufer. Davon ab gibt es Bücher, die man zur Unterhaltung konsumiert (wie ein Film im Kino) und Werke, die man wirklich gerne im Regal stehen hat (ob das so erstrebenswert ist, durch Buchrücken intellektuellen Raumschmuck zu besitzen, ist ein anderes Thema…). Als wirklicher Vielleser mit Bücher der Kategorie A (Unterhaltung) muss ich wirklich nicht jedes Buch besitzen, vor allem es nicht mit mir rumschleppen, wenn ich im Zug unterwegs bin.

      Btw.: Wenn ich ein Buch aus der Stadtbücherei ausleihe zum lesen, muss ich es nach Ende der Leihzeit auch wieder zurück geben…

  3. Es gibt sehrwohl einen großen Unterschied zwischen einem Kinofilm, bei dem ich von vornherein ein „zeitlich bregrenztes“ Nutzungsrecht erwerbe, allerdings in einem Rahmen, den ich zuhause so nicht schaffen kann, und dem Erwerb eines Gegenstands. Das ist bei CDs und MP3s ähnlich. Ich möchte keine Nutzungsrechte, schon gar nicht eingeschränkte erwerben, sondern ein Buch, mit dem ich machen kann, was ich möchte. Genau das darf ich aber bei eBooks im allgemeinen nicht. Aus eben diesem Grund kaufe ich grundsätzlich CDs und keine MP3s. Eine Ausnahme mache ich bei Spotify, das aber über die gesamte Nutzung auch einen Preisvorteil gegenüber dem Erwerb bietet und eben auch von vorn herein als bezahltes Webradio konzipiert ist, also auch nicht vergleichbar.

    Die Kategorie A besorge ich mir aus dem Anti zum Bruchteil des Preises eines eBooks, bei dem ich ja auch noch einen Reader erwerben muss.

    Solange die Preisdifferenz für das minderwertige Angebot (in meinen Augen, aber da darf jeder anderer Meinung sein) so minimal ausfällt und ich das ganze Antiquarisch deutlich preiswerter bekomme, fällt ein eBook für mich flach.

    1. Ach je, ich glaube, wir würden uns im Kreis drehen. Ein Buch ist ein Gegenstand, der Text darin etwas ganz anderes. Die eingeschränkten Nutzungsrechte sind noch mal ein ganz anderes Thema, aber da wird sich ebenso wie bei MP3 & Co noch einiges tun. DRM 3 von Adobe ist ein ziemlicher Knieschuss für die Branchen und könnte der Anfang vom Ende des harten Kopierschutzes sein.

  4. Ich finde diese ganzen Diskussionen über das Thema sinnlos. Wer ein eBook kaufen will, soll es tun, wer nicht, der soll sich ein normales Buch kaufen. Und wenn Autoren sich weigern, eBooks zu veröffentlichen, dann können sie das auch tun. Mit den wirtschaftlichen Folgen (positiven und negativen) haben sie schließlich selbst zu leben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren