Danke Frau Schwarzer

Bevor ich ins Wolfsgeheule der anderen einstimme, mir überlege, wie das Verhalten von Alice Schwarzer zu beurteilen ist und ob man sie wegen ihrer Steuersünden verurteilen sollte, erstmal was ganz anderes. Ein Danke. Danke Frau Schwarzer. Das ist in meinem Fall nicht ironisch gemeint, sondern aufrichtig. Für mich als Mann war das Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ prägend. Anlass, es überhaupt zu lesen, ergab sich durch meine damalige feministische Religionslehrerin. Eine evangelische Religionslehrerin, sollte ich noch anmerken. Aus ihrem Unterricht habe ich einiges an Gedanken und Ideen für mich mitgenommen. Eine Gesellschaft verändern lässt sich nur mit Gleichberechtigung als Fundament.

Das Private ist politisch.
Alice Schwarzer

Von der allgemeinen Einleitung zum Konkreten. Dem „Steuerfall Alica Schwarzer“ wie in einigen Medien getitelt wird. Steuerhinterziehung in der Schweiz ist kein Kavaliersdelikt. Genau so wenig wie alkoholisiertes Auto fahren. Beides ist aus guten Gründen nicht rechtens; unmoralisch dazu, könnte man noch sagen. Ob es ausreicht, wenn man 200.000 Euro Steuern plus Säumniszuschläge nachzahlt, kann ich ebenso wenig beurteilen wie den Effekt einer hohen Spendensumme für eine gemeinnützige Stiftung. Alice Schwarzer ist nicht die Erste, die Geld zur Steuerverkürzung in die Schweiz gebracht hat. Ihre Gründe dafür mögen nachvollziehbar sein, legalisieren ihr Handeln jedoch nicht. Ebenfalls wird sie nicht die Letzte sein. So lange sich auch nur ein Cent damit sparen lässt, werden Steuern hinterzogen. Das liegt in der Natur einiger Menschen (wohlgemerkt, nicht aller).

Eigentlich hatte ich persönlich vorgehabt, zum Fall zu schweigen. Da ich aber vor nicht all zu lange Zeit bei Herrn Hoeneß meinen Senf dazu getan habe, muss (oder zumindest sollte) ich auch bei Alice Schwarzer Position beziehen — selbst wenn es mir, siehe oben, schwer fällt. Damit kommen wir dann zum zweiten Danke. Danke dafür, Frau Schwarzer, dass sie mich dazu gebracht habe, mir etwas vor Augen zu führen. Nämlich wie wichtig es (manchmal) ist, Dinge voneinander zu trennen. Das Werk vom Menschen, auch wenn es sich vielleicht merkwürdig anhört.

Man kann den Film „The Purple Rose of Cairo“ gut finden, obwohl er von Woody Allen stammt. Man kann die Leistungen von Margot Käßmann würdigen. Und man kann, als überzeugte SPD-Wähler, Helmut Kohl für danken für seine Dienste um die Europäische Einheit. Die Welt, in der wir leben, ist nicht einfach schwarz-weiß. Heilige gibt es sehr wenig — und für Protestanten ist es mit ihnen ehedem problematisch. Der Einsatz von Frau Schwarzer für Gleichberechtigung ihr feministischer Kampf, wird daher nicht durch ihre Steuersünden entwertet. Wohl aber, und das muss auch Alice Schwarzer eingestehen, gilt gleiches Recht für alle. Wer Wasser predigt, sollte keinen Wein saufen. Wer moralische Integrität einfordert, sollte selber Integer sein. Oder anders, klassisch gesagt: „Wer da ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“ Frau Schwarzer sollte dies künftig bei Kommentaren zu aktuellen Ereignissen berücksichtigen. Zudem sollte sie auf Ausreden und Schuldbezichtigungen verzichten. Die Steuerhinterziehung hat sie und nur sie ganz alleine zu verantworten. Ob man darüber berichtet, ist eine andere Frage — vielleicht sogar eine, die sich, siehe Zitat, an dem Standards von Frau Schwarzer orientiert.

Um es abschließend noch mal zu betonen: Ich finde das, was Frau Schwarzer für die Rechte der Frauen in Deutschland bewirkt hat, wichtig. Insbesondere für diesen Verdienst schätze ich Alice Schwarzer — auch wenn sie es mir gerade verdammt schwer gemacht.

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