Tagebuch eines Krimilesers, Teil VI

Bewusst hatte ich für diese, noch frische neue Jahr, keine Vorsätze gefasst. Daher befindet sich der Punkt „keine schlechten Krimis mehr lesen“ auf keiner Liste. Nach wie vor quäle ich mich durch Machwerke, bei denen sich jeder Leser mit einem IQ etwas oberhalb der Debilitätsgrenze fragt, wie so was überhaupt veröffentlicht werden konnte. Mit „veröffentlicht“ sind dabei die Werke gemeint, die einen regulären Verlag gefunden haben und mindestens als gedruckte Version auf dem Markt geworfen werden. In die Sümpfe der Self-Publisher wage ich mich als Leser schon gar nicht — ich wüsste, ich würde da niemals gesund wieder raus kommen.

Mit anderen Worten und um auf den Punkt zu kommen, ich lese gerade wieder einen unsagbar schlechten Lokalkrimi. Mein Vater fragte mich am Wochenende ernsthaft, warum ich mir das eigentlich antue. SM-Tendenzen gibt es bei mir nicht, daher ist die Frage wohl durchaus berechtigt. Meiner Meinung nach lässt sich, zumindest wenn man selber Krimis schreibt, aus solchen Werken immer noch etwas lernen. Dinge, die man in eigenen Krimis unbedingt vermeiden sollte. Als Nur-Leser hätte ich längst das Handtuch geworfen.

Aus dem aktuellen Lokalkrimi, der in Wesel spielt, was einer der Gründe ist, warum ich mir ihn lese, ein paar „Highlights“:

  • Placedropping
  • Unkenntnis
  • Falsche / Schräge Perspektiven
  • Verwendung von Abkürzungen
  • Große Verbrechen

Placedropping

Ein Krimi, egal welcher Unterkategorie er angehörte, sollte vor allem durch seine Handlung getragen werden. Eingebettet in die Handlung sind die Plätze und Orte, die eine bestimmte Rolle spielen. Nichts taucht als Selbstzweck auf. Einen Nebenfigur, die am Fusternberg in Wesel wohnt. Ein Mordopfer, welches aus Sonsbeck stammt — einfach nur, damit man die Orte auch mal untergebracht hat. Besonders übel wird es, wenn bestimmte Plätze nur auftauchen, damit der Autor zeigen kann, wie gut er sich in der Ecke auskennt.

Unkenntnis

Wenn Krimi-Autor ist, bereits mehrere Krimis geschrieben hat, die auch veröffentlicht wurde, sollte man über eine gewisse Routine verfügen. Aber nicht nur das. Ein Kimi-Autor sollte sich im Genre auskennen und Dinge vermeiden, die einen dran zweifeln lassen, dass er wirklich weiß, wovon er schreibt. Auch wenn man es Filme so hört oder in anderen Bücher liest, die Polizeiarbeit in Deutschland ist etwas anders als in anderen Ländern. Gleiches gilt für die Zuständigkeiten. Daher ist es auch wichtig, den Unterschied zwischen Pathologie und Rechtsmedizin zu kennen. Mordopfer landen grundsätzlich in der Rechtsmedizin. Ein Autor, der schreibt, die Leiche würde gerade in die Pathologie gebracht, macht sicher lächerlich. Es sei denn, es würde sich dabei um eine tausende Jahre alte Mumie handeln wie den Ötzi. Der kommt dann in die Pathologie, weil man etwas über die Krankheiten erfahren will, an denen er gelitten hat. Ganz schlimm ist es, wenn man Durchsuchungsbeschluss und Durchsuchungsbefehl verwechselt.

Falsche / Schräge Perspektiven

Ein Plot sollte konsistent. Wichtig dabei ist auch die Einhaltung der Erzählperspektiven. Wenn man für bestimmte Kapitel in die Ich-Perspektive wechselt, sollte es dafür einen verdammt guten Grund geben. Selbst wenn es den gibt, sollte man als Autor gut überlegt, ob das wirklich nicht anders schreiben kann. Die Ich-Perspektive ist alles andere als leicht. Eine der häufigsten Fehler gerade von Anfänger ist es, genau das zu unterschätzen. Schlimm, wenn es einen angeblich erfahrenen Autor passiert. Vor allem dann, wenn sich eine Szene auf dem sprachlichen Niveau eines achtjährigen Grundschülers befindet, obwohl die Figur, aus dessen Sicht erzählt wird, deutlich älter ist. Kleiner Tipp am Rande: als Autor lernt man nie aus, daher lohnt es sich, immer wieder über den Tellerrand zu schauen (und auch mal als Leser Ausflüge in andere Genre zu machen).

Verwendung von Abkürzungen

KTU, MK, SpuSi, KIT, KL usw. — während in, sagen wir mal einer Zeitung, Abkürzungen vor ihrer erstmaligen Verwendung erklärt werden, scheint so was bei einigen Krimi-Autoren unüblich zu sein. Dabei soll es auch Leser geben, die nicht wissen, was eine KTU ist. Es tut im Zeitalter moderner Textverarbeitung wirklich nicht weh, Kriminaltechnische Untersuchung zu schreiben. Liest sich schöner und nimmt auch Krimi-Neuling an die Hand. Abkürzungen sollten daher von Verlagsseite bereits als OWi behandelt werden.

Große Verbrechen

Es muss nicht immer das ganz große Rad sein, gerade in Lokalkrimis. Unter irgendeiner internationalen Verschwörung scheinen aber einige nicht schreiben zu wollen. Da geht es dann um gefälschte Medikament im großen Stil, um Machenschaften dubiose Großkonzerne und ähnliches. Für mich sind das Klischees, die da verwendet und bedient werden. Ein kleiner feiner Mord ist aus meiner Sicht viel spannender. Die Kunst des Kammerspiels. Allein die Fallzahlen der Polizei sprechen auch gegen eine Welle von Serienmörder, die ganze Landstriche entvölkern. Im Krimi geht es um das Warum. Zu zeigen, weshalb eine bisher unbescholtene Bäckerreifachangestellte den Bürgermeister ertränkt hat, kann daher genau so spannend sein. Allerdings, zugegeben, erfordert das etwas mehr Talent vom Autor. Vielleicht ist das der Grund, warum viele auf die Formel (Lokalkolorit + Serienmörder +(1/2 Berufsanfänger * Quotenprivatermittler)) setzen.

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