Ukraine — ein Steinwurf entfernt

Ukraine — ein Steinwurf entfernt

Von Köln nach Kiew beträgt die Entfernung etwas über 1.600 Kilometer. Das ist deutlich weiter als ein Steinwurf entfernt. Dennoch fühlt es sich für mich so an als läge die Hauptstadt von Kiew gleich um die Ecke. Zur Ukraine haben meine Frau und ich, auch wenn wir selber bei dort gewesen sind, einen Bezugspunkt. Eine gute Freundin meiner Frau stammte von dort. Die Vergangenheitsform deshalb, weil sie vor ein paar Jahren gestorben ist. Aber das ist an dieser Stelle irrelevant.

Wenn wir morgens beim Frühstück in der Zeitung die neusten Meldungen aus Kiew lesen, von den Protesten dort, dann stellen wir uns immer vor, was diese Freundin dazu sagen würde, was sie davon halten würde. Die Proteste gegen Janukowitsch, die Gewalt der Polizei gegen die Demonstranten, dass alles würde sie sicher nicht kalt lassen. Uns lässt es ebenfalls nicht kalt. Ein Präsident, der sich von der Realität und der Demokratie verabschiedet hat. Die Ukraine, eingeklemmt zwischen Europa und Russland im Versuch, es beiden Seiten irgendwie recht zu machen oder aber die Entscheidung aufzuschieben.

Ein großer Teil der Bevölkerung will in die EU, der Machtapparat ist dagegen gestrebt, sich möglichst mit Russland gut zu stellen. Im Kern trifft das den Auslöser der aktuellen Konflikte. Nicht wenigen wird das, was aktuelle in Kiew passiert, schlichtweg egal sein. Einmal mehr demonstriert die Bevölkerung eines Landes gegen den oder die Machthaber. So wie in Syrien, Ägypten und anderswo auf der Welt. Wie gesagt, bei mir gibt es einen persönlichen Bezug zum Land. Selbst ihnen diesen Bezug wäre es mir alles andere als gleichgültig, was in der Ukraine passiert.

Die Ukraine hat sich in mein Gedächtnis gebrannt seit Tschernobyl. Ein Land, immer wieder am Abgrund, mit nur kurz Abschnitten in der Geschichte, in der es nicht von Fremdherrschaft gekennzeichnet war. Genau das wirkt nach. Als ehemaliger Bestandteil der UDSSR ist die Bindung an Russland möglicherweise genau der Weg, den sie nicht beschreiten sollte. Die Bevölkerung ahnt das.

Deutschland, gerade auch aus einer historischen Verpflichtung heraus, sollte das Schicksal der Bevölkerung nicht egal sein. Vieles spricht dafür, die Ukraine in die Europäische Union aufzunehmen, gerade um dort die Demokratie zu festigen. Die Annäherung an Russland hätte den gegenteiligen Effekt, den dort ist man von einer lupenreinen Demokratie weiter den je entfernt.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren