Kein Engel kein Schnee, Teil III

Beim dem Lärm von draußen viel es Leon schwer, sich auf den Level zu konzentrieren. Zum wiederholten Mal schlug der Zwischengegner seinem Avatar eins auf die Nase. So schmerzvoll schien ihr Ableben zu sein, dass ein Schrei ertönte. Erneut spawnte die Figur am Eingang der Höhle. Entnervt schaltet Leon die Konsole aus. Die Stille irritierte ihn. Die Säge draußen war ausgeschaltet worden. Vermutlich sollte er jetzt gleich das Brennholz in den Keller schleppen. Leon stand von seinem Bett, auf und ging zu seinem Schreibtisch am Fenster. Von hier aus konnte man gefahrlos einen Blick in den Garten riskieren, ohne von unten gesehen zu werden. Sein Erzeuger lag neben der Kreissäge und schien sich nicht mehr zu bewegen. Leon erblickte seine Mutter, die angelaufen kam.
Lass den Arsch doch einfach liegen, würde er ihr gerne zurufen. Statt dessen rutschte ihm ein „Krass“ raus, als er sah, wie seine Mutter das Geschirrtuch um die Stelle wickelt, an der bis vor wenigen Augenblicken noch einen Hand gewesen sein musste. Schnell färbte sich das Tuch rot. Sollte sein Alter abkratzen, wollte Leon auf jeden Fall aus der Nähe zusehen. Schneller als wenn seien Mutter ihn mehrfach zum Essen gerufen hatte, lief er die Treppe herunter. Vorbei am Schlafzimmer der Eltern im ersten Stock, runter in den Flur, wo er fast mit seiner Mutter zusammenstieß. Wortlos riss sie in der Küche den Autoschlüssel vom Haken und rannte dann wieder nach draußen zu ihrem Mann.

Von dort rief sie nach Leon, der ihr widerwillig folgte, um mit ihr gemeinsam Jörn Bötcher zum Familienauto zu bringen. Ohne lange darüber nachzudenken hatte Sabrina Böttcher beschlossen, mit ihrem Mann ins Krankenhaus zu fahren. Leon konnte zu Hause bleiben. Das ersparte ihm das Gestöhne seines Vaters, der entgegen Leons Hoffnung viel zu lebendig blieb. Immerhin konnte sich Leon über das Blut auf dem Beifahrersitz freuen, denn das würde seinen Vater später maßlos ärgern, wie Leon wusste. Sabrina vergass es, ihre Küchenschürze auszuziehen, als sie den Motor startet und losbrauste. Schlimmer jedoch war das, was im Garten zurück blieb weil sie in ihrer Panik nicht daran dachte.

Es war Leon, der die Hand im Handschuh fand. Obwohl er sich davor ekelte, hob er sie auf. Drehte das Ding im Handschuh, bevor er wusste, was zu tun war. Im hohen Bogen warf er Handschuh und Inhalte über den Gartenzaun auf das Grundstück der verreisten Nachbarn. Leon hörte, wie die Hand, die ihn nie wieder schlagen würde, auf das Wasser im Gartenteich aufschlug.

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