Das Vorrecht der Jungen

An diesem Wochenende wurde auf dem Juso-Bundeskongress Johanna Uekermann, zur neuen Vorsitzende gewählt. Ein anderer Vorsitzender weilt auch als Gast unter den Delegierten und zog sich deren Unmut zu. Den Auftritt von Sigmar Gabriel in Nürnberg wird wohl niemand ernsthaft als gelungen bezeichnen könne.

Gegen die Mehrheit der Jusos verteidigte er den ausgehandelten Koalitionsvertrag mit CDU und CSU. Dabei schaffte er es, von einem Fettnäpfchen zum nächsten zu laufen, wie bei Zeit Online zu lesen ist. Sein Verhalten in Nürnberg bestätigt meinen Eindruck. Jedem, der den Vertrag ablehnt, wird vorgeworfen, sich gegen die Interessen der „kleinen Leute“ zu stellen. Immer wieder schimmert bei Gabriel auch durch, wie wenig er von den politischen Ansichten jüngerer Menschen hält. Schnell schwingt da der Vorwurf mit, wer nicht seiner Meinung ist, sei unreif, unwissend und vor allem unverantwortlich. Kurzum, jung wird gleich gesetzt mit naiv. Als ob sich Weisheit automatisch mit Lebensjahren einstellt.

Meiner Ansicht nach ist es geradezu ein Vorrecht der nachfolgenden Generationen, nicht nur Fragen zu stellen, sondern auch infrage zu stellen. Viele der Älteren vergessen ganz gerne, dass sie selber mal jung waren. Gerne wird auch verdrängt, wie wichtig frischer Wind ist. Beharren auf alten Position ist kein Weg in die Zukunft. Vor allem finde ich es bitter, wenn man den Jüngeren Mitspracherecht verweigert, obwohl sie es sein werden, die die Konsequenzen zu tragen haben aus den getroffenen politischen Entscheidungen. Auch bei der Jungen Union scheint man zu begreifen, welche Folgen sich aus dem Koalitionsvertrag in Bezug auf die Rentenpolitik für nachfolgende Generationen ergeben. Auch dort, genauso wie bei den Jusos hat man erkannt, dass junge Köpfe auf verantwortlichen Stellen notwendig sind.

Ein weiteres Vorrecht der Jungen ist, Fehler machen zu dürfen. Wilde Ideen zu haben, zu scheitern, wieder aufzustehen und die Gesellschaft voranzubringen. Sie brauchen keine Belehrung von oben herab. Vor allem nicht, wenn sie herablassend ist. Die Jusos sind kein Parteikindergarten. Dort betätigen sich Menschen politisch, die zwischen 14 und 35 Jahre alt sind. Den meisten von ihnen kann man nichts vormachen.

Beim Kölner Stadt-Anzeiger gibt es auf der Kommentarseite regelmäßig auch Beiträge von jungen Menschen. Texte, bei denen man sich wünscht, dass auch ältere Zeitgenossen so viel Einsicht und Weitsicht zeigen würden. Mich ärgert es regelmäßig, wenn man vergisst, wie man selber in dem Alter gedacht hat. Man war und ist mit Anfang 20 nicht beschränkt — jedenfalls nicht mehr als mit Anfang 40 oder 50.

Das die Jusos die schwarz-rote Koalition mehrheitlich ablehnen, ist nicht nur ihr gutes Recht. Die Ablehnung zeugt auch von weit aus mehr Einsicht in die Folgen des Koalitionsvertrags. Die Jusos werden es auch am Ende sein, denen die bittere Aufgaben zukommen wird, die Scherben zusammen zu kehren. Die Rest der Sozialdemokratie zu einer neuen Partei zusammen zu kleben, weil an der Parteispitze die „nach uns die Sintflut“ Mentalität vorherrscht.

Kommentar verfassen