Kein Hauch einer fairen Chance

Früher nannte sich das Stubenarrest, wenn ich zu Hause bleiben musste. Die moderne Variante davon ist „Home Office“. Das funktioniert bei mir ausgesprochen gut (bedeute, mit Stubenarrest konnte man mich früher bereits nicht wirklich bestrafen). Es gibt aber auch Tage, an denen man mangels Alternative zu Hause bleiben muss. Zum Beispiel dann, wenn die Fernverkehrszüge nicht in Essen halten, weil darunter diese Sache mit den Stollen noch nicht abfüllend bereinigt ist — oder so ähnlich.

Wie dem auch sei, morgens in der autofreien Siedlung kann es mitunter sehr still sein. Fast schon zu still. Musik anmachen alleine hilft da nicht, daher greife ich seit gestern wieder auf ein altes Hausmittel zurück: Radio hören. Bis zum Mittag ist 1live dabei recht erträglich. Manchmal erfährt man durch die Wortbeiträge sogar Dinge, von denen man bisher nie etwas wusste. Die sich schlicht und einfach auch jenseits der Vorstellungskraft befinden. Mir persönlich war bis gestern auch nicht klar, wie hart dieses Land mit arbeitslosen Menschen unter 25 Jahren umspringt.

Ein besonders heftigen Fall schilderte man gestern im Radio. Ein junger Mann befand sich gerade in einem vom Jobcenter der Agentur für Arbeit vermittelten Praktikum. Die Firma war angetan von ihrem Praktikanten und bot ihm daher auch einen Ausbildungsplatz an. Dieser befand sich aber in einer anderen Stadt. Dem jungen Mann hätte das nichts ausgemacht, er war bereit, für eine Ausbildungsstelle auch den Wohnort zu wechseln. Der Agentur für Arbeit gefiel das jedoch nicht. Zu hohe Kosten für Umzug und neue Wohnung, die werde man nicht übernehmen. Kein Umzug, kein Ausbildungsplatz. Frustriert beendete der Mann daraufhin vorzeitig sein Praktikum.

So was sieht die Agentur gar nicht gerne, daher wurden dem jungen Mann sämtlich Leistungen um 100 Prozent gekürzt, einschließlich der Unterstützung für die Miete. Somit verlor die betreffende Person nicht nur ihre Zukunftschance, sondern gleich auch noch das Dach über den Kopf, denn die Miete konnte er nicht mehr aufbringen. Obdachlos lebte er mehrere Monate auf der Straße.

Die Verhältnismäßigkeit ist in einem solchen Fall schon lange nicht mehr gewahrt. Zudem sprach man im Radiobeitrag davon, dass die Jugendlichen wesentlich härter bestraft würden als ältere Leistungsempfänger. Meiner Meinung nach wurde hier auf ganzer Linie versagt. Erstmal deshalb, weil man dem betroffenen nicht die Möglichkeit gegeben hat, die Ausbildung in der anderen Stadt anzutreten. Es hättet sich bestimmt eine Lösung finden lassen. Dann signalisiert man ihm, wie egal einem seine Motivation seine Arbeitslosigkeit zu beenden, eigentlich ist. Schließlich stößt man ihn auch noch in den Rinnstein und überlässt ihn sich selber.

Wenn man so was hört, schrumpfen die eigene Probleme zur Bedeutungslosigkeit. Gleichzeitig nimmt die Wut auf den Gesetzgeber zu, der so was wie in diesem Fall ermöglicht. Das ist nicht „fordern und fördern“ sondern demütigen und zum Bittsteller verdammen.

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