Im Sumpf der Leserbriefe

Wirklich, man hätte es sich denken können. Etwas Küchenpsycholgie und ein Tropfen Ahnung davon, wie die lieben Mitmenschen so ticken. Nach dem der Kölner Stadt-Anzeiger vor ein paar Tagen über das Flüchtlingsheim in der Herkulesstraße berichtet hatte, schlugen in der heutigen Ausgabe des KSTA die ersten Leserbriefe auf.

Stein des Anstoßes ist nicht etwa die katastrophale Überbelegung oder die anderen menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen dort gelitten wird, sondern einzig die hygienischen Zustände in der Unterkunft. Die unterschiedlichen Stimmen lassen sich dabei auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Die Aufforderung an die Bewohner, doch bitte mehr Eigenverantwortung zu zeigen und den eigenen Dreck auch selber weg zu machen. Schließlich, so die Schlussfolgerung, ist der ja nicht von alleine dort hin gekommen.

Wenn man worüber erschrickt, dann wohl über das was, hinter den Leserbriefen für ein Weltbild steht. „Ausländer sind faul und dreckig, sieht man doch mal wieder. Die räumen nicht mal ihren eigenen Dreck weg und wollen, dass andere sich darum kümmern.“ Ein Beispiel, wie Rassismus nach wie vor noch unter der Decke offen zur Schau gestellter Bürgerlichkeit vorhanden ist. Man sieht nur das, was man auch sehen will. Dabei werden nicht nur unpassende Vergleiche gezogen „wir sind 1943 ausgebombt und nach Schlesien gebracht worden…„, sondern auch die Wirklichkeit konsequent verdrängt.

Halten wir mal für’s Protokoll fest: die Menschen in der Unterkunft leben dort nicht, weil es ihnen besonders gut gefällt, sondern weil sie es müssen. Geflohen vor Hunger, Verfolgung, Krieg und Ermordung hat man sie in der Unterkunft eingepfercht und zur Untätigkeit verdammt. Selbstinitiative wird durch das Asylrecht verhindert, wer arbeiten will, und das wollen viele der Flüchtlinge, darf es nicht. Es wird ihm untersagt. Die Bewegungsfreiheit ist zudem eingeschränkt durch die Residenzpflicht. Verwundert es, wenn man dann passiv, stoisch wird?

Es sollte den Leser des Kölner Stadt-Anzeigers bewusst sein, wie Menschen, auch Deutsche, sich verhalten wenn man sie auf engstem Raum zusammenpfercht.

Mir stellt sich die Frage, wer wirft denn den Müll auf den Boden, verunreinigt die Toiletten und Duschen und beschmiert die Wände? Das sind doch die Bewohner selbst – oder nicht?
Quelle: KSTA

Mal abgesehen von der völlig unangebrachten rhetorischen Frage an dieser Stelle vermisse ich hier das Verständnis dafür, wie so was passieren kann. Oder anders: Wenn zum Beispiel in Köln-Nippes Wände beschmiert werden, wild Abfall weggeworfen wird – warum machen die Menschen, die in dem Viertel leben den Dreck nicht selber sauber? Ist doch schließlich in ihrem Interesse. Statt dessen rufen sie nach häufigeren Leerungen durch die AWB und um die Straßen- und Parkreinigung soll sich die Stadt gefälligst auch kümmern.

Nicht mal in normalen Büros ist die Einsicht vorhanden, dass das Wegräumen von schmutzigen Geschirr in die Spülmaschinen der Teeküche allen Mitarbeitern zu Gute kommt und für ein besseres Wohlfühlklima sorgt. Und ganz ehrlich: ich persönlich würde nicht für andere die Klos putzen wollen, Einsicht hin oder her.

Das so genannte Problem entsteht einzig und allein dadurch, dass man Menschen wie Vieh behandelt, ihren Willen bricht und dann erwartet, sie wäre dann noch zu irgendwas in der Lage, was über das bloße überleben hinaus geht.

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