Welt ohne Mut

Während der Sommer langsam im Regen ersäuft, kann man sich an einem ruhigen Sonntag bei angenehmen Temperaturen zurücklehnen und vom Sofa aus beobachten, wie der Regen die Scheiben, die man noch Tage zuvor sauber geputzt hat, wieder versaut. Auf der Haben-Seite erfreut man sich an einer Schale Tee, die gerade bei solchem Wetter noch besser als sonst schmeckt. Ein guter Darjeeling als Vorgeschmack auf den kommenden Herbst.

Es könnte alles gut sein, man wäre mit sich und der Welt im reinen. Sofern man aber den Fehler macht und statt zu einem Buch zur Tageszeitung greift, setzt augenblicklich wieder die Ernüchterung ein. Nichts ist in Ordnung. Wir leben in einer Welt, in der ein Diktator freigelassen wird (Ägypten) und ein Held zur 35 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt wurde (USA). Ein Welt, in der es um Bürgerrechte schlimmer steht als zu vor. In der es ein Primat vermeintlicher Sicherheit gibt, dem sich alles unterzuordnen hat. In der ein deutscher Innenminister die Ausspähung der Bürger, denen er eigentlich dienen soll, in unsäglicher Weise verharmlost. Wobei sich genau an dieser Stelle die Frage stellt, was schlimmer ist. Die Abschaffung fundamentaler Bürgerrechte, die Leugnung durch politische Verantwortliche oder aber die stoische Haltung der Bevölkerung.

Es geht kein Aufschrei durchs Land. Die Begeisterung liegt nicht beim Thema Datenschutz und Bürgerrechten, sondern bei den süßesten Fotos des Nachwuchses von Prinz William und Kate. Irgendwann in den letzten Jahren scheint uns der Mut abhanden gekommen zu sein. Der Mut, unseren eigenen Verstand zu nutzen und zu erkennen, was alles falsch läuft und sich das auch wieder ändern lässt. Der Mut, der uns erkennen lässt, welche Lügen uns derzeit aufgetischt werden.

Das Schlimmsten an der Tageszeitung ist nicht das, was in ihr steht, sondern das, was nach Lektüre nicht passiert. Was wir lesen, bleibt ohne Wirkung. Selbst dann, wenn es ein mutiger Journalist unter Einsatz seines Lebens geschrieben hat. Wir bleiben sogar ruhig, wenn in einem Nachbarland die Pressefreiheit mit Füßen getreten wird. Vielleicht glauben wir tatsächlich auch, so was würde nicht bei uns passieren. Schon haben wir den Cicero wieder vergessen.

Der Regen draussen wird irgendwann wieder aufhören. Das ist das Gute am Wetter, es regelt sich von alleine. Dagegen werden die Zustände in der Welt und in unserem Land nicht von alleine wieder besser. Jeder hat es aber in der Hand, etwas zu tun und Einfluss zu nehmen. Das Schlimmste bei all den Meldungen ist jedoch der sich aufdrängende Verdacht, nach dem 22. September würde es hier zu Lande genau so weiter gehen (beziehungsweise stagnieren) wie in den letzten vier Jahren. Einfach deshalb, weil die Wählerinnen und Wähler lieber bequem statt mutig sind.

Wird der derzeitige politische Kurs beibehalten, haben Terror-Gruppe wie Al-Qaida gewonnen. Die können sich bereits jetzt schon dran erfreuen, wie ganz ohne Bomben die Freiheit der westlichen Welt von demokratisch gewählten Regierung abgeschafft wird, um eben genau diese Freiheit zu erhalten. Unser Welt versinkt in Angst und Mutlosigkeit. Was bleibt ist eine halb ausgetrunkene Schale mit kaltem Tee, der bitter geworden ist.

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