Einfach nur helfen

Es gibt Taten, über die schweigt man normalerweise. Gutes tun, aber es nicht an die große Glocke hängen. Vor allem sich nicht damit versuchen zu profilieren. Leben retten ist es etwas, was Rettungssanitäter täglich machen. Es ist ihr Beruf. Was sie machen, erzählen sie nicht in großer Runde, um als strahlenden Helden dazustehen.

Und doch halte ich es für wichtig, über den gestrigen Abend zu schreiben. Einfach aus dem Grund, um Ängste und Bedenken abzubauen. Jeder kann helfen. Wichtig ist nicht, nachzudenken, sondern zu handeln. In dem Moment, wo es darauf ankommt, das Richtige zu tun. So wie der 46-jähriger Kölner in Niehl, der einen 10 Jahre alten Jungen vor dem Ertrinken im Rhein gerettet hat. Der Mann hat nicht großartig nachgedacht, Risiken abgewägt, sondern gehandelt. Den Preis, den er dafür gezahlt, war hoch. In dieser Woche erlag er seinem Herzinfarkt, den er durch das kalte Wasser des Rheins erlitt, im Krankenhaus. Bei mir war es nur eine verpasste Bahn, zwanzig Minuten länger warten. Überhaupt kein Vergleich. Dennoch musste ich an den mutigen Familienvater die ganze Zeit denken. Ein Vorbild, wenn man so will.

lesung-springerf3Fangen wir aber von vorne an. Normalerweise hätte ich heute über die Krimilesung mit Carsten Sebastian Henn, Andreas Izquierdo und Ralf Kramp von gestern Abend geschrieben. Eine Veranstaltung von LeseWelten, ein Projekt bei der ehrenamtlichen Vorleserinnen und Vorlesern Kindern Bücher vorlesen. Eines der vielen tollen Projekte der Kölner Freiwilligen Agentur. Der Veranstaltungsort befand sich in den beeindruckenden Büroräumen von springer f3 im Schanzenviertel. Da ich mit der rechtsrheinischen Umgebung nicht vertraut bin, vertraute ich bei der Anreise auf die Navigation über das iPhone. Vorher hatte ich mir allerdings schon die meiner Meinung nach passende Haltestelle selber ausgesucht. Aussteigen an der „Von-Sparr-Straße“, dann in fast gerade Strecke zum Gebäude, in dem springer f3 untergebracht ist. Meine Überraschung war große, als wir in der Straßenbahn im vorderen Teil ausstiegen und mein iPhone (sowohl über Karten als auch Google Maps) mir eine Strecke von 20 Minuten anzeigte. Eine große Schleife, die uns zurück vorbei an der Haltestelle „Keupstraße“ führte. Zwanzig Minuten zu Fuß, die so nicht eingeplant waren. Für den Rückweg nahmen meine Frau und ich uns vor, direkt ab „Keupstraße“ die Straßenbahn zu nehmen.

Zufällig las ich dann vor der Veranstaltung bereits in den Räumen springer f3 den facebook-Eintrag von Roland Weber („Findet seinen Weg auch ohne GPS.“, steht auf der Firmenseite, was in dieser Situation gut passte).
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Die Skizze von ihm zeigte eine alternative Route über die Industriebrache im Norden, direkt von der Haltestelle „Von-Sparr-Straße“. Für die Veranstaltung selber ist das unerheblich, für das was danach passierte, von entscheidender Bedeutung.

Meine Frau und ich wollte eigentlich nach der Lesung zur Keupstraße laufen und dort in die Bahn einsteigen. Spontan entschieden wir uns dann, doch einfach den kurzen Weg über die Brache zu nehmen. An der Haltestelle „Von-Sparr-Straße“ standen schon einige Menschen, etwas abseits saß überdacht ein Mann zwischen Mitte 50 und Anfang 60, rauchte. Wir gingen an ihm vorbei, vielleicht ärgerte ich mich sogar wieder darüber, dass jemand mit seinem Qualm anderen das sitzen unter dem Regenschutz verleidete. In vier Minuten sollte die Bahn kommen.

Gerade auf mein Smartphone starrend hörte ein Geräusch wie wenn ein großer nasser Sack auf den Boden geworfen wird. Das war allerdings kein nasser Sack, der auf dem Bahnsteig lag, sondern der Mann. Regungslos lag er auf dem Boden, die Bank, auf der er zuvor noch saß, war leer. Momente, in denen das Gehirn versucht, zunächst widersprüchliche Eindrücke einzuordnen und zu verarbeiten. Die kurze Hoffnung vielleicht, jemand anders würde sich schon kümmern. Und dann wurde ein Hebel in meinem Kopf umgelegt.

Ich war als erster bei dem Mann. Er war nicht ansprechbar, hatte eine Platzwunde am Kopf. Es wirkte auf mich, als habe er einen Krampfanfall. Um weitere Verletzung am Kopf zu vermeiden, schob ihm seine Tasche unter den Kopf, die sich weich anfühlte. Der Mann war nicht ansprechbar. Intuitive legte ich ihm die Füße hoch, hielt seine Hand und sprach beruhigend auf ihn ein, während meine Frau den Rettungsdienst anrief. Von einer jungen Dame, die auch auf die Bahn wartete und die auch rüber zum Mann gelaufen kam, ließ ich mir ein Taschentuch geben, um den Mann den Speichel vom Mund abzuwischen. Ich hatte Angst, dass er mir erstickt, während ich ihm den Kopf und die Hand hielt. Für einen kurzen Moment wurde mir meine eigene Unzulänglichkeit bewusst. Der Erste-Hilfe-Kurs, der viel zu lange her ist. Dann vertraute ich wieder darauf, das richtige zu tun. Einfach für den Mann da zu sei, ihn nicht alleine zu lassen. Weiter mit ihm zu sprechen, auch wenn er mich nicht verstand.

Von den anderen Fahrgästen kam niemand. Bevor der Rettungswagen endlich eintraf, eine gefühlte Ewigkeit, näherte sich uns eine Gruppe junger türkischer Mitbürger, offensichtlich auf dem Weg zu einer Party, gut gelaunt mit Bierflasche. Sie halfen sofort, erkundigt sich, ob schon jemand einen Notarzt verständigt hatte, wiesen dann später den Rettungsdienst ein. Sie informierten auch dem Fahrer der Straßenbahn, dass Hilfe unterwegs sei. Die Bahn, die ich einfach abfahren ließ, weil mir anderes wichtiger war. Die Bahn, in die andere Menschen, welche ganze Zeit abseits unbeteiligt gestanden und nur geschaut hatten, einstiegen.

Als der Rettungsdienst dann eintraf, kümmerten sich die Sanitäter um alles weitere. Meine Frau und ich nahm die nächste Bahn zurück nach Hause. Das Erlebte wirkte weiter. Für mich steht fest, dass ich mich umgehend um einen Erste-Hilfe-Kurz kümmern werde. Auch wurde mir klar, von wie vielen Zufällen etwas abhängen kann. Dadurch, dass meine Frau und ich einen langen Tag gehabt hatten, verließen wir die Veranstaltung unmittelbar nach Ende der Lesung, blieb nicht auf ein zweites Glas Wein und möglicherweise interessante Gespräche. Wir nahmen die Abkürzung über die Industriebrache. Möglich nur durch die Skizze von Roland Weber, die ich wiederum nur durch Zufall entdeckte. Sehr viele Zufälle. Man könnte es auch anders bezeichnen, ganz sicher.

Erst am Bahnhof Köln-Deutz ließ das Adrenalin in meinem Köper nach, ich hatte auf ein Mal ganz schön weiche Knie. Für mich waren auch anderen Menschen da, bei beiden Fahrradunfällen, die ich bisher in Köln hatte. Das wichtigste für mich dabei war das Gefühl, nicht alleine zu sein. Hilfe zu bekommen. Dieses Gefühl auch anderen geben zu können, ist ein großes Geschenk.

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