Die Deutschlandtüte

An mein erste Sammelalbum für Sticker, die der längsten Pralinen der Welt und einer Haselnuss-Schokoladen-Waffel beilagen, kann ich mich noch gut erinnern. Das war zur Fußball-WM ’82. Gesammelt habe ich, obwohl mich Fußball schon damals nicht interessierte.

Im gleichen Jahr ging es dann weiter mit den „Meilensteine der Verkehrsgeschichte“ – das waren Knibbelbilder in Cola-Flaschen. Im Deckel gab es ein farbig bedruckten Dichtungsring, den man herauslösen und auf ein Poster kleben konnte. Natürlich haben wir als Kinder in diverse Läden die Pfandflaschenrückgabe umlagert. Am meisten hat faszinierte mich damals nicht das Motiv der einzelnen Bilder, sondern der Geruch von Cola, der den Knibbelbildern anhaftete. Das lässt sich nur verstehen wenn man weiss, dass es bei uns zu Hause Cola nur sehr selten gab.

Das folgende Jahr brachte dann wieder klassische Sticker zum Kinofilm „Star Wars – Rückkehr der Jedi Ritter“. Es war mein erster Star Wars Film, den ich im Kino sah. Erst später folgten dann Teil 2 und Teil 1 (alte Zählweise). Zum Film gab es von Panini Sammelbilder. Allerdings nicht als Produktzugabe, sondern man musste die kleinen Tüten mit den Stickern kaufen. Naturgemäß gab es dabei eine Menge doppelter Bilder und trotz fleißigen Tauschens (so was wie Internet gab es damals noch nicht) fehlten mir am Ende ein paar Bilder. Die Lücke füllte ich dann durch eine Bestellung direkt bei Panini, wo man gegen viel Taschengeld einzelnen Bilder erwerben konnte. Die Menge war, soweit ich mich erinnere, auch streng limitiert pro Person.

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Damit endet das Kapitel Sammelbilder auch recht schnell wieder für mich. Erst wesentlich später hatte ich einen Rückfall mit „Magic the Gathering“. Die Spielkarten waren allerdings ungleich teurer als die Sammelbilder.

Spulen wir den Film weiter vor und landen in der Gegenwart, jedenfalls fast dort. Der Umzug nach Köln führte bei meiner Frau und mir zu einer Änderung der Einkaufsgewohnheiten. Bis zu dem Zeitpunkt kauften wir nie bei REWE ein, was sich schlagartig änderte und mit Sicherheit auch an der sehr hohen Dichte der Märkte hier vor Ort liegt. Jedenfalls fiel uns auf, dass es immer mal wieder Aktionen gab, bei der man ab pro 10 Euro Einkaufswert ein Päckchen mit 5 Stickern an der Kasse bekam. Erst waren es Fußballsticker, die wir hinter der Kasse wartenden Kindern schenkten. Dann folgten Tiermotive, welche die Tochter einer Kollegin meiner Frau sammelte. Und jetzt gibt es wieder so eine Aktion von REWE. Diesmal mit „Deutschland als Sammelspaß„. Schwarz, rot toll, bewirbt der Konzern seine Reihe und greift so vollmundigen Sätzen wie diesem:

Unser Deutschland – Eine Liebeserklärung in 180 Stickern

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Auch wenn es die Sticker kostenlos zum Einkauf dazu gibt, benötigt man zu sammeln noch das Sammelalbum für 1,99 Euro, eine Sammelbox zum aufbewahren doppelter Sticker für 99 Cent und selbstverständlich lassen sich die Päckchen (zur besseren Unterscheidung orange statt rot) auch separat zum Preis von 50 Cent kaufen. Wie von früher bekannt gibt es neben Einzelmotiven auch solche, bei den man mehrere Sticker benötigt, um das Bild vollständig zu haben. Daneben gibt es bei den 180 Stickern auch welche, die leuchten oder glitzern.

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In einer meiner Tüten befand sich das Schloss Neuschwanstein in einer rot-schwarz-goldenen Glitzerversion, was irgendwie passend. Es irritiert nur etwas, dass dieser Strahlen an sozialistische Motive erinnern, aber das ist vermutlich eher Zufall.

Merkwürdiger ist dagegen diese Aussage zur Aktion:

Entdecke auf 72 Seiten alles, was Deutschland ausmacht: Pflanzen, Tiere, Erfindungen, Bauwerke, Einzigartiges und Kurioses. Vom Ampelmännchen bis zum Zoologischen Garten begeistert UNSER DEUTSCHLAND jeden – denn Deutschland ist multikulturell!
Quelle: REWE, Unser Deutschland auf der facebook-Seite

Weder das Ampelmännchen noch der Zoologische Garten sind Aushängeschilder dafür, dass Deutschland multikulturell ist. Bei meinen bisher 60 Sticken befindet sich auch kein Motiv mit einem Döner, einer Pizza, Menschen mit anderen Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit dabei. Nichts, rein gar nichts, was darauf schließen ließe, Deutschland sein multikulturell. Möglicherweise habe ich nicht genau hingeschaut und wie viele andere vergessen, dass man dem Gartenzwerg nachsagt, er würde aus der Türkei stammen.

Über die weitere Verwendung der Sticker bin ich mir noch unsicher. Für diesen Blogeintrag haben sie ihren Zweck erfüllt. Am besten verschenke ich sie wohl weiter. Dann aber nicht an Kinder unter 36 Monaten, denn auf der Packung wird eindringlich davor gewarnt, dass sie verschluckbare Kleinteile enthält. Und ich möchte ja nicht, dass jemand an Deutschland erstickt.

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