Zahl für die Mauer

In den letzten Monaten tauchte das Thema Paywall immer wieder auf. Dabei geht es den Verlagen darum, bestimmte Inhalte nur noch gegen Bezahlung im Internet zur Verfügung zu stellen.

Grundsätzlich muss selbstverständlich jeder überlegen, wie er seine Leistung finanziert bekommt. Das hinter den Artikel, die viele von uns als Gratisware betrachten, eine Leistung steht, müsste einleuchten. Artikel bei Siegel Online oder Zeit Online zum Beispiel müssen geschrieben werden. Je nach Rechercheaufwand benötigt man für eine rund 400 Wörter umfassende Text ein bis zwei Stunden. Zeit, die irgendjemand bezahlt. In den meisten privaten Blog bezahlt der Autor dies mit seiner Freizeit und versucht allenfalls, die Kosten für das Hosting durch Werbeanzeigen gegenfinanziert zu bekommen.

Mr. Gorbachev, tear down this wall!
Ronald Reagan, 40. Präsident der Vereinigten Staaten, 12. Juni 1987 in Berlin

Bei den Verlagen sind Werbeanzeige schon sehr lange eine wichtige Einnahmequelle für die gedruckte Ausgabe. Wäre zum Beispiel der Kölner Stadt-Anzeiger frei von jeglicher Werbung, würde die Tageszeitung einen anderen Preis für die Einzelausgabe verlangen müssen.

Auf den Webseiten der Verlage gibt es auch Werbung. In welchem Umfang diese zur Kostendeckung beiträgt, ist ohne die genauen Zahlen zu kennen, schwer zu sagen. Und damit werden die Verlage auch nicht hausieren können – was nachvollziehbar ist. Vorstellbar ist auf jeden Fall, dass die Onlineausgabe in gewisser Weise die Print-Ausgabe kannibalisiert. Das ist für eine Zeitung und letztendlich, wenn es genau nimmt, auch für den Leser fatal.

Geht die Printausgabe zurück, fallen nicht nur die Einnahmen aus dem Verkauf weg, sondern es sinkt auch die Auflage. Und die ist eine wichtige Größe, wenn es um die Verhandlung von Anzeigenpreisen in der gedruckten Zeitung oder Zeitschrift geht. Welches Ende Verlage und Redaktionen nehmen, wenn die Auflage zu sehr absackt, konnten wir in den letzten Jahren in Deutschland gut sehen. Die Presselandschaft wird dadurch ärmer, gleichzeitig fehlt dem Leser die Auswahl an unabhängiger Berichterstattung.

Eine Paywall stellt den Versuch da, Inhalte wieder ein Stück weit wertiger zu machen und die Einnahmen zu erhöhen. Öffentlich sichtbar wäre im Internet dann lediglich Teaser, die zum Kauf animieren sollen – oder gleich zum Abschluss eines Abos.

Als Autor kann ich die Intention der Verlage verstehen, hoffe dabei auch, dass sich das auch positiv auf das Gehalt der Redakteure und Journalisten auswirkt, denn sie sind schließlich die Urheber der Texte. Auf der anderen Seite bin ich jedoch auch Leser und Nutzer von Onlineangeboten. In dieser Rolle muss ich mir selber die Frage stellen, wie sich mein Verhalten verändern würde, gäbe es überall online eine Paywall. Per RSS-Feed informiere ich mich zum Beispiel über das, was bei Zeit, Spiegel, Handelsblatt und Focus online zu finden ist. Müssten ich bei allen zum lesen der Inhalte bezahlen, würde ich keine der Seiten mehr aufrufen. Lediglich bei der Zeit würde ich mich dann zu einem Abo hinreißen lassen. Dabei bin ich mir sicher, damit nicht alleine zu sein. Im Ergebnis würde die Verlage durch eine Paywall online auf einen Schlag eine Menge Leser verlieren.

Ob mir der Verzicht dann wirklich etwas ausmachen wird – ich denke eher nicht. Ich würde konzentrierter die Texte, für die ich auch bezahlt habe, lesen.

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