Doch noch Lehrer

Irgendwann kommt man doch wieder an den Punkt, wo man sich die alles entscheidende Frage stellt. Die, was wohl passiert wäre, wenn man sich für die rote Pille entschieden hätte.

Dabei ist es nicht mal sicher, ob wir ein völlig anderes Leben führen würden. Viel zu oft müssen wir in unserem Leben Entscheidungen treffen und jedes Mal gabelt sich unser Weg an dieser Stelle. Manche glauben freilich, unser Weg im Leben wäre vorherbestimmt.

Du glaubst doch gar nicht von diesem Geschwafel von Schicksal, wenn du ehrlich bist.
Das Orakel, in Matrix I, zu Neo

Bei einer Vorherbestimmung hätten wir keine Wahl. In gewisser Weise ist das auch eine bequeme Ausrede, denn wer keine Wahl hat, trägt entsprechend nicht die Verantwortung. Der hoffentlich größere Teil der Menschheit glaubt an den freien Willen. Entscheidungen, die wir treffen auf unserem Lebensweg, basieren darauf.

Die Vorbemerkungen führen aber letztendlich wieder zum Anfang, zum „Was wäre wenn“. Trotz der vielen Gabelungen gibt es bei vielen Menschen einen Punkt im Leben, den sie selber als zentral bezeichnen würden. Eine Art Wendepunkt (auch wenn das Leben oft kein Roman ist). Beim mir war dieser Wendepunkt im Leben meine Entscheidung, trotz des entsprechenden Studiums nicht Grundschullehrer zu werden.

Immer wieder, besonders dann, wenn Schüler und Lehrer Ferien, wie die gerade hinter uns liegenden Osterferien haben, taucht aus den Tiefen meines Bewusstseins die Frage auf, wie es wohl wäre Lehrer zu sein. Sicher, ich weiss quasi aus zweiter Hand, dass Ferien für Lehrer kein Urlaub sind. Die zahlreichen Stunden, die ein Lehrer mit der Unterrichtsvorbereitung am heimischen Schreibtisch sitzt, werden auch oft nicht wahrgenommen. Bei mir es daher nicht die freie Zeit, die mich an den Lehrerberuf denken lässt, sondern der Rhythmus von Unterricht und Ferien. Schließlich habe ich prägende Jahre als Schüler in diesem gelebt.

Gestern tauchte in einem Gespräch die Anmerkung auf, ich könnte doch noch Lehrer werden. Den jetzigen Job an den Nagel hängen und in der ersten bis vierten Klasse Kinder unterrichten. Nur einen kurzen Moment tauchte das Bild vor meinen Augen auf. Ich, vor einer Klasse stehend. Dann verschwand es wieder. Mit aller Deutlichkeit antwortet ich daher, dies würde nicht mehr in Frage kommen. Auch wenn mir das Unterrichten von Kindern sicher liegt.

Meine Abneigung gilt eindeutig nicht den Kindern, sondern der Art, wie ich sie auf Grund unseres Schulsystems unterrichten müsste. Das ist nach wie vor nicht kompatible zu meinen Vorstellungen. Je länger ich darüber nachdenken, desto deutlicher wird mir, warum ich damals meine Entscheidung so und nicht anders traf.

Man kann dann das „Was wäre wenn“ dennoch weiterspielen und darüber grübeln, an welchem Punkt man heute stehen würde. Ich fürchte, es wäre bei mir einer, an dem ich mir genau die gleiche Frage stellen würde: Was, wenn ich die rote Pille genommen hätte?

Die Wahrheit ist nämlich leider, dass es nur blaue Pillen gibt. Wenn etwas rot schimmert, liegt es nur am Licht – und das vergeht wie alles andere auch.

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