Lass uns Freunde bleiben

Nach gerade einmal zwei Tagen mit dem digitalen Probe-Abo der Süddeutschen Zeitung kann ich schon ein erstes Fazit ziehen. Nach über zwanzig Jahren werden wir wohl im übernächsten Monat getrennte Wege gehen.

Und ja, ich habe eine Neue. Aber von vorne. Nicht erst seit dem Umzug nach Köln haben DER CHEF und ich zwei Zeitungen im Abonnement. Stets eine lokale Zeitung, um vor Ort auf dem Laufenden zu sein und für überregionales die Süddeutsche Zeitung. Bisher sind wir damit stets gut gefahren, was unter anderem auch daran lag, dass sich Zeitungen wie die Neue Westfälische recht schnell lesen ließen – um es mal höflich zu formulieren.

In den letzten Monaten haben sich jedoch ein paar Lebensumstände verändert. Zum einen wohnen wir in Köln und kommen so in den Genuss des Kölner Stadt-Anzeigers. Die Zeitung ist meiner Meinung nach frisch und informativ, die tägliche Magazinbeilage eine angenehme Bereicherung. Beim Frühstück ist es die erste Zeitung geworden, die ich lese. Durch den NaNoWriMo vor zwei Jahren habe ich begonnen, meine Zeit anders zu verteilen. Selber schreiben hat ein wesentlich stärkeres Gewicht bekommen. Zudem lese ich, wenn ich im Zug bin, vermehrt Bücher anderer Autoren (nicht nur Krimis). Am Ende eines Tages ist es dann meist so, dass ich nicht einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung gelesen habe. DER CHEF kommt durch die hohe Arbeitsbelastung auch nicht dazu, besonders viel von der Zeitung zu lesen.

Ein weiterer Punkt bei uns beiden ist das wachsende Bedürfnis, Artikel für die spätere Verwendung (im Unterricht oder in einem Roman) zu archivieren. Mit Papier geht das zwar, es sammelt sich aber innerhalb weniger Monate ein Berg von Material an, der sich nicht mehr vernünftig überblicken lässt. Dankenswerter Weise bietet der Kölner Stadt-Anzeiger seinen Abonnenten einen Zugriff auf die PDF-Version an. Bei der Süddeutschen Zeitung kostet so was extra. Es war daher eine interessante Option, künftig nicht nur den Abo-Preis durch den Umstieg auf die digitale Ausgabe der SZ zu reduzieren, da man darüber nicht nur die Zeitung auf dem iPad lesen kann, sondern auch Zugriff auf den Webbereich hat, wo man sich wie beim KSTA einzelne Artikel / Seiten als PDF herunterladen kann.

Im Gegensatz zum KSTA ist die iPad Ausgabe der SZ meiner Meinung nach aber unbrauchbar. Innerhalb von nicht mal vierundzwanzig Stunden ist mir die App auf dem iPad dreimal abgestürzt. Das ist mit der digitalen Ausgabe des KSTA in über vier Monaten nicht ein Mal passiert. Layout und Aufbereitung der Zeitung (SZ) sind nicht dazu geeignet, ein angenehmes Lesegefühl entstehen zu lassen. Man hat den Eindruck, es stecke die Absicht dahinter, Leser abzustrecken, damit auch weiterhin die Printausgabe verkauft wird. Diese Wirkung hat die SZ digital bei mir nicht verfehlt – nur das wir künftig ganz auf die Süddeutsche Zeitung verzichten werden.

Dabei beschleicht mich etwas Wehmut, hat mich die Zeitung doch lange Jahre begleitet, mich ein Stück weit auch geprägt. Aber wir können ja Freunde bleiben, die SZ und ich.

Zeitungsverlegern, nicht nur denen bei der SZ, denn auch die Zeit und andere digitale Versionen sind ähnlich katastrophal, kann ich an dieser Stelle nur einen Tipp geben: Man sollte sich genau ansehen, wie das digitale Leseverhalten wirklich aussieht. Auf multimediales Beiwerk können viele Leser verzichten. Ein echter Mehrwert wäre ein nahtloses lesen auf allen Geräten, so wie es zum Beispiel Read it later vormacht. Im Büro kann ich einen Artikel über die Weboberfläche anlesen. Unterwegs weiss die App auf dem iPhone, wo ich aufgehört habe und ich kann genau an der Stelle weiter lesen. Den Rest des Artikel lese ich dann abends auf dem iPad, während ich auf dem Sofa liege. Es ist doch verwunderlich, dass es so was nicht bei den digitalen Zeitungsausgaben gibt. Und warum, so fragt man sich, kann man nicht einen Artikel, der einem besonders gefällt, außerhalb der App archivieren? Von Read it later aus kann ich mir einen Artikel an mein Evernote-Konto schicken.

Nein, ich denke wirklich, dass ihr, liebe Süddeutsche Zeitung, liebe Zeitungsverleger, noch nicht im Netz angekommen seid. Dabei sind wir, die Abonnenten, sogar bereit, dafür zu bezahlen. Vielleicht sind wir ja nicht mal mehr Freunde, so sehr, wie wir uns auseinander gelebt haben.

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