Der Risotto-Präsident

Der Risotto-Präsident

DER CHEF und ich haben gestern zum erste Mal Risotto gekocht. Die eher schleimige Konsistenz, die wohl normal sein soll, hat uns nicht überzeugt. Das ich etwas koche, was uns am Ende nicht schmeckt kommt nicht sehr häufig vor, aber es kommt vor.
Künftig werden wir wohl um Risotto oder Risotto-ähnliche Rezepte einen Bogen machen. Zumindest aber haben wir es probiert, dem Gericht eine Chance gegeben. Man könnte auch sagen, wir waren unvoreingenommen. Gleiches wünscht man sich in der aktuellen Diskussion um den Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten – wohl gemerkt, Kandidat, nicht neuer Bundespräsident, denn ansonsten wäre die Wahl der Bundesversammlung überflüssig.

Notmypresident heisst es bei Twitter, in Blogs und sonst wo im Internet. Mit ein paar schluderig woanders abgeschriebenen Schlagworten wird versucht, Joachim Gauck zu demontieren, bevor er Bundespräsident geworden ist. Teilweise sogar von den selben Menschen, die vor weniger als zwei Jahren den selben Gauck nach der Wahl von Christian Wulf als „Bundespräsidenten der Herzen“ bezeichnet haben.

Bei Cicero Online ist ein lesenswerter Artikel zum Thema „Wie das Netz den bösen Gauck erfand“ zu finden. Bei dem ganzen Hin und Her der Berichterstattung zum Thema werde ich persönlich das Gefühl nicht los, dass Joachim Gauck etwas kann, was seine Kritiker nicht können: zuhören und differenziert denken. Die Welt lässt sich, so gerne wir das auch manchmal hätten, nicht in Schwarz und Weiss, in Gut und Böse unterteilen. Einfache Antworten gibt es nicht. Und so wie ich das verstehe, ist die Behauptung, Gauck hätte Sarrazin gelobt, so nicht richtig. Aber es ist schön einfach und passt prima in 140 Zeichen.

Die Kritiker müssen sich die Frage gefallen lassen, was sie eigentlich für einen Bundespräsidenten haben wollen. Jemand, der noch Mensch und fehlbar ist oder eine Art Papst, der für sich die Unfehlbarkeit in jeder Hinsicht in Anspruch nehmen kann? Pech nur, dass Gauck Protestant ist. Nein, ein Bundespräsidenten, den man in allem zustimmt, hat es nie gegeben und wird es auch nicht geben. Mit Gauck könnten wir eine bekommen, der integer ist. Eine Persönlichkeit mit einer bewegenden Lebensbiografie, mit Ecken und Kanten.

Wie meine Frau und ich dem Risotto eine Chance gegeben haben, so sollten die Bürgerinnen und Bürger Joachim Gauck auch eine Chance geben (auch wenn sie ihn tatsächlich nicht wählen dürfen). Und wenn wir wirklich feststellen sollten, dass Gauck eben nicht der „Bundespräsident der Herzen“ ist (was er auch vermutlich auch nie beabsichtig zu sein), dann können wir immer noch sage: wir haben es zumindest probiert. Ganz ehrlich gesprochen hatten wir schon wesentlich schlechtere Vorgänger im Amt gehabt, und damit ist nicht nur Christian Wulff gemeint.

6 Replies to “Der Risotto-Präsident”

  1. Wenn man liest, was so zu Gauck geschrieben wird, dann scheint auf einmal Wulff das kleinere Übel.
    Was mich stört: Es gibt nur einen Kandidaten (vielleicht noch einen von der Die Linke) und eine Wahl wird somit im Grunde zur Farce.

    1. Ob Wulff das kleinere Übel war, weiss ich nicht. Das die Wahl des Bundespräsidenten eher eine Farce ist, war schon in der Vergangenheit so. Es geht doch weniger um Amt und Würde als um parteipolitische Scha­che­reien.

    1. Ich denke, Deutschland hat genau da ein Problem. Schon ab 50 wird behauptet, man sei für die meisten Tätigkeiten zu alt. Gerade weil Gauck so alt ist, hat er entsprechende Lebenserfahrung.

    2. Grundsätzlich sehe ich das ähnlich wie Du bezüglich Alter. Aber Herr Gauck ist bereits 72, dh in 4 Jahren 76. Und das empfinde ich nicht mehr als lebenserfahren genug sondern als zu alt für diesen verantwortungsvollen Posten.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren