Tödliche Weihnachten (10)

Missmutig starrte Knutsen durch die Windschutzscheibe. Neben ihm saß Gröne auf dem Beifahrersitz. Warum Knutsen diesmal fahren musste, hatte Gröne ihm verschwiegen. Minutenlang schwieg der Alte vor sich hin.

„Also gut Knutsen, dann wollen wir mal los.“
„Zurück zur Wache?“

„Wo denken sie hin? Meinen sie, nur weil Weihnachten ist, mache ich mir das deshalb besonders einfach?“

„Das möchte ich lieber nicht beurteilen.“

„Brauchen sie auch nicht, ich sehe es ihnen an.“

Knutsen löste seinen Blick von der Windschutzscheibe und sah rüber zu Gröne.
„Was haben sie jetzt vor?“

„Dem Offensichtliche nachgehen.“

„Das heisst?“

„Wir zwei fahren zur Firma, in der der Verstorbenen gearbeitet hatte.“
„Die werden doch wohl kaum an einem Feiertag arbeiten, oder?“

„Das nicht, aber bevor sie heute morgen gekommen sind, habe ich mit dem Inhaber telefoniert. Er erwartet uns bereits.“

Gröne nannte Knutsen eine Adresse, woraufhin er losfuhr.

„Darf ich fragen, was sie sich davon versprechen?“
„Dürfen sie. Und ich werde ihnen sogar eine Antwort g
eben.“
„Das ist ja wie Weihnachten.“

Gröne ging über die Anspielung hinweg.

„Das Einfach ist oft auch das Falsche. Wenn er sich unbedingt umbringen wollte, bleibt eine Frage über.“

„Sie machen es ganz schön spannend.“

„Vielleicht wissen sie es ja selber?“

Knutsen bog an der Kreuzung rechts ab und nahm nicht nur den richtigen Weg, sondern auch den Gedankengang von Gröne auf.

„Er hätte nicht das Weihnachtsmannkostüm vorher angezogen.“

„Genau das. Vermutlich hatte er wirklich vor, seinen Kindern die Geschenke zu bringen, als Weihnachtsmann verkleidet.“

„Aber im Auto lagen keine Geschenke.“

„Sehen sie, wieder eine ungeklärte Frage. Unser Herr Staatsanwalt macht sich das zu einfach.“

Sie erreichten das Firmengelände von ‚Bergmann Holzspielzeug‘. Bis auf einen Sportwagen neueren Baujahrs war der Parkplatz auf dem Gelände verwaist. An den Wagen gelehnt stand ein Mann, dessen Sonnenbräune einen guten Kontrast zur Jahreszeit abgab. Knutsen fielen sofort seine weißen Ledersliper auf, die ihm genau wie er Wagen selber völlig unangemessen für das Wetter erschienen.
Leonard Bergmann zog an seiner Zigarillo und blies den Rauch nach oben. Gröne stieg aus und ging direkt auf ihn zu.

„Herr Bergmann?“

„Und sie sind mit Sicherheit der Gröne. Ich nehme an, wir haben vorhin miteinander telefoniert.“

„So ist es.“

„Hoffen wir mal, dass es sich für uns alle lohnt, am Feiertag hier zu sein. Sie haben echtes Glück, dass sie mich überhaupt erreicht haben.“

„Wie meinen sie das?“

„Als sie angerufen haben, war ich kurz vor der Abreise nach St. Moritz, zu meiner Frau und meiner Tochter in den Ski-Urlaub.“

Kommentar verfassen