Weihnachtshasser

Durchtränkt von der sehr merkwürdigen Ansicht, dass Weihnachten auch nur ein tag wie jeder andere ist, machte er sich Hoffnung auf Schnee. Nicht wegen der Romantik, bei weitem nicht. Er mochte die Stille, wenn alles zum erliegen kam. Ergötzte sich an den roten Nasen der Kinder, freute sich über jede Oma und jeden Opa, die auf den glatten Flächen mit samt ihren Einkaufstaschen zu Fall kamen.

Autos, die nicht ansprangen waren genauso Musik in seinen Ohren wie das mühsame Freischaufeln der Wege. Schon seit Tagen trübe sich seine Stimmung. Die Temperaturen lagen weiter über den Nullpunkt, mit deutlicher Tendenz Richtung zehn Grad. Kein Wetter für Schnee oder Glühwein, den er er hasste wie die Menschen, die sich auf Weihnachtsmärkten vergnügten.Am liebsten hätte er eine Bombe gezündet, die Menschen unter all ihrer dumpfen Glückseligkeit begraben. Weihnachten, das war kein Fest für ihn. Eine lästige Sache ähnlich einer Erkältung, bei der man froh war, wenn sie wieder vorbei war. Sein Doppelkinn ruhte auf dem Ende des Rollkragenpullovers. Zwischen seinen Fingern blinzelte er durchs Fenster. Noch eine halbe Woche bis zu den Feiertagen. Natürlich würde er keine Baum kaufen, nichts besonders kochen. Pellkartoffeln und Fisch, so sah sein Essen am so genannten heiligen Abend aus. Danach würde er sich einen Kriegsfilm ansehen und früh zu Bett gehen. Alleine, wie seit einigen Jahren.

Hans war tot. Dahingerafft von dieser tückischen Krankheit, der Preis für einen Fehltritt. Immer wieder hatte er darauf gewartet, dass auch er sich angesteckt hatte, doch er blieb negativ. Hans müsste noch länger auf ihn warten. Zeit, in der ihm verzeihen konnte. Nicht mal ein Tropfen Regen fiel, keine dunklen Wolken warne am Himmel zu sehen. Kurz vor Weihnachten war es, als er zum letzten Mal ins Krankenhaus gefahren war. Hatte sich dann von Hans verabschiedet, auf den nächsten Tag, obwohl er geahnt hatte, dass es ein Abschied für immer sein würde. Am Morgen des vierundzwanzigsten kam dann der Anruf. Kurz und knapp, er war ja nicht mal ein Angehöriger, damals. Die Hinterlassenschaften von Hans gingen an seine Eltern, so wie er es nicht gewollt hatte. Es war das schlimmste Weihnachten, was man sich vorstellen konnte. Alleine, ohne Hans.

Draussen und in anderen Wohnungen glücklich Menschen, er alleine mit seiner Trauer. Zuerst hatte er gedacht, er würde nicht ohne Hans weiter leben können, aber es ging irgendwie weiter. Ein dumpfes Gefühl legte sich wie ein Wattemantel um seine Gedanken, zu Silvester ließ er sich richtig gehen. Das neue Jahr empfing er mit Kopfschmerzen und dem Gefühl, seinen Kummer auf diese Weise nicht los zu werden. Dieses Jahr zu Silvester sollte es sein, er wollte es zu Ende bringen, einmal, ein letztes Mal in seinem Leben etwas richtig machen und zu Ende bringen.

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