Irgendwann ist genug

Sergej hatte genug. Immer wieder prasselten in seinem Leben Demütigungen auf ihn ein wie Regen bei anderen Leuten. Seine Körpergröße sucht sich niemand selber aus. Hätte er das gekonnt, wären es mit Sicherheit nicht 1,69 Meter gewesen.

Einen kleinen Mann nimmt niemand ernst. Nicht in der Schule, nicht in der Armee und Frauen schon gar nicht. Selbst die in seiner Größe sahen über ihn hinweg, wollten lieber einen starken, großen Beschützer. Er hatte es ertragen, wie so vieles. Was sollte er sich auch beschweren. Das brachte nichts, wie er immer wieder erfahren hatte. Immer wenn er sich auflehnte, weil er Mitschüler nicht abschreiben ließ, oder nicht die nächste Runde seiner Kameraden übernehmen wollte, nahm in jemand in den Schwitzkasten und verpasste ihm ein Kopfnuss. Aus Spaß. Nur das Sergej das keinen Spaß machte.

„Hey, Sergej, noch was zu trinken!“

Sergej ging rüber zum Tisch.

„Na los, nicht so langsam.“

„Schau nicht wie ein Schaf, hol die Flasche.“

Pflichtbewusst ging Sergej zurück, um die Flasche Wodka zu holen. Den Job als Kellner hasste er. Auch deshalb, weil er in einem russischen Restaurant arbeitete, wo seine Landsleute Stammgäste waren. War er nicht nach Deutschland gekommen, um dem allen zu entfliehen?

Auf dem Rückweg stieß er mit einem der Gäste zusammen.

„Pass auf kleiner Mann.“

Selbst gelallt waren die Demütigungen schwer zu ertragen. Sergej stellte die Flasche auf den Tisch, nahm das Schulterklopfen entgegen, wie ein auf Strafe wartendes Kind. dann trabte er wieder zurück an seinen Platz an der Wand, im Hintergrund. Wartend, auf neue Gäste.

Die Tür zur Straße ging auf, spülte mit dem Straßenlärm zwei Frauen herein. Ein kurzer Blick, dann bewegten sie sich auf einen der freien Tische zu. Sein Tisch. Die eine von ihnen sah umwerfend aus. Sie blickte herüber und lächelte Sergej an. Ihm wurde warm ums Herz, er lächelte zurück, wollte rüber zum Tisch. Bruno trat ihm auf den Fuß.

„Heute mein Tisch.“

Er war stärker, er machte die Regeln. Sergej ballte die Faust hinter seinem Rücken, presste die Hand gegen die Wand, bis der Schmerz die Enttäuschung überlagerte. Wieder ein Winken vom Tisch mit der Gruppe Landsleute. Es sah so aus, als ob sie endlich aufbrechen wollten.

„Darf ich die Rechnung bringen?“

„Chef regelt.“

Statt eines Trinkgelds ein lautes Rülpsen. Einer der Männer zerzauste ihm die Haare, so wie es Väter bei ihren Kindern machten. Mit seinen 40 Jahren war Sergej längst kein Kind mehr. Sergej blieb am Tisch stehen, bis die Gruppe zur Tür hinaus war, dann begann er mit dem Abräumen. Teller, Gläser, Besteck. Zigarettenstummel waren in die Essenreste gedrückt worden, Servierten achtlos verteilt. Kurz vor der Küche fiel ihm ein Messer runter.

„Kleiner Trottel.“, höhnte Bruno.

Sergej ließ das Messer liegen. Mit dem ganzen Geschirr auf dem Arme konnte er sich nicht bücken. Auf dem Rückweg hob er es auf, steckte es ein.

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