Kleiner Aster

Es gibt tatsächlich Bücher, die einen positiv überraschen. Bei deren Titel man zunächst voreingenommen war, wo die Kurzbeschreibung auf der Rückseite nichts außer gepflegte Langeweile verspricht. „Kleine Aster“ von Moritz Wulf Lange ist so ein Buch.

Ein Buch, dass im Titel einen Bezug zu einem hervorragenden Gedicht von Gottfried Benn schafft, dazu noch ein Privatdetektiv, eine persönliche Beziehung zum Mordfall – so was muss doch daneben gehen. Die Kurzbeschreibung zum Krimi scheint alle Vorurteile zu bestätigen:

Berlin, Chausseestraße: Draußen regnet es seit Stunden. Im Zimmer riecht es muffig, der rostige Heizkörper gluckert, die Kaffeemaschine röchelt, Gelangweilt tipp Michael Dallinger seinen x-ten Bericht über eine untreue Ehefrau in den COmputer, als er von seinem Onkel einen Anruf erhält: Ein entfernter Bekannter fühlt sich verfolgt.[…]

Weit gefehlt. Lange ist mit „Kleine Aster“ ein hervorragender Krimi gelungen, den man erst aus der Hand legt, wenn man ihn durchgelesen hat.

Wulf ist es gelungen, einen Privatdetektiv zu konstruieren, der glaubwürdig ist. Dallingers Band wurde bei einem Einbruch um die gesamte Ausrüstung erleichtert.

Aus reiner Wut hatte Michael aus eigener Faust ermittelt. Die Ausrüstung blieb zwar verschwunden, aber er fand heraus, dass ihr Bandleader den Einbruch arrangiert hatte, um sowohl bei dem Dieb als auch bei der Versicherung abzukassieren. So hatte er sein neues Betätigungsfeld gefunden, auf dem er sich seitdem mit wenigen Leidenschaft, aber einigem Talent durchschlug.

Kein Superheld, sondern jemand, der in Situation reingerät.
Nach und nach erfährt Dallinger, warum der Friedhofsgärtner sterben musste und erst im letzten Moment erkennt, in welcher Gefahr sein Onkel schwebt.

Bei Wulf sitzt jedes Wort. In kurzen Sätzen zeichnet er mit wenigen Strichen seine Figuren, die im Kopf des Lesers lebendig werden. Die Freundinnen von Dallinger kann man sich allesamt gut vorstellen, auch die schwierige Ex Siri, obwohl sie nur einen kurzen Gastauftritt hat.

Während ich sonst mit Klebenotizen arbeite, um mir die misslungenen Stellen im Krimi zu markieren, war es diesmal umgekehrt. Damit waren besondere Highlights gekennzeichnet.

Er verließ uns zu früh. Manche verlassen uns auch zu spät, dachte er bitter.

Vorbildlich ist auch die Art der Landschaftsbeschreibung. Keine ausladenden Sätze wie aus einem Tourismusprospekt, sondern Sätze, die die Fantasie des Lesers anregen und eigen Bilder im Kopf entstehen lassen. Man ist fast geneigt das als „atmenden“ Beschreibung zu bezeichnen:

Jenseits der Autobahn auf der Landstraße war niemand mehr unterwegs. Allmählich ließ der Regen nach. Die Straße wand sich durch ein Waldstück. Links und rechts rauschte der Wind in den Bäumen und wirbelte Laub von der Straße auf. Eine Böe zerrte an seinem Wagen.

Sauber sind auch die Kleinigkeiten, die vielleicht nicht jedem Leser auffallen:

Als Waffe war ein Messer weniger wert, weil es einen Angreifer zwar verletzen, aber nicht stoppen konnte.

An solchen Details sollten sich andere Krimi-Autoren ein Beispiel nehmen. Nicht selten wird aus einem unscheinbaren Messer, mit dem der Protagonist nach und nach Horden von Bösewichten ausschaltet.

Noch was sollte nicht unerwähnt bleiben. Die „Kleine Aster“ spielt zwar in Berlin, aber Lange hat keinen Lokalkrimi geschrieben. Es sind kurze Beschreibung drin, die ein Bezug zur Hauptstadt schaffen. Diese sind aber unauffdringlich. Das Setting wirkt dadurch organisch, der Handlungsort als solcher überzeugt. Wiederrum sind es Kleinigkeiten, auf die man bei genauerem lesen stößt und die einem dann deutlich machen, warum der Krimi in Berlin spielen muss.

Fazit: So schreibt man gute Krimi! Wulfs „Kleine Aster“ sollte Pflichtlektüre für alle Krimiautoren und solche, die sich dafür halten, werden. Unverständlich, warum das Buch erst zwei Bewertungen bei amazon hat.

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