WordCamp 2011 in Köln

Vielleicht sollte ich direkt zu Anfang nicht meine Schwierigkeiten verschweigen. Offen heraus gestehen, warum ich lange überlegt habe, diesen Artikel zu schreiben – oder es sein zu lassen. Das ich ihn jetzt doch geschrieben habe, liegt wohl an einer vermuteten Erwartungshaltung.

Vermutete Erwartungshaltung? Klingt ganz schön kompliziert und genau so ist es auch. Würde ich kein Wort über das WordCamp verlieren, hinterließe dies meiner Meinung nach einen merkwürdigen Eindruck. Nicht das mich das in größerem Umfang irritieren würde. Aber der Verdacht würde naheliegen, dass mir das WordCamp nicht gefallen hat. Auf der anderen Seite gehöre ich zu den Menschen, die, wenn sie über etwas schreiben, immer ein Fass Salz zur Hand haben – ich denke, es ist deutlich, was ich an dieser Stelle meine.

Gestern Abend habe ich mir den Blogeintrag von Dirk Olbertz, „Wordcamp 2011 in Köln – Nicht meine Veranstaltung“ durchgelesen. Die Organisatoren, wie Frank Bültge, Robert Windisch, Olaf Schmitz und andere kenne ich, nicht nur von den bisherigen WordCamps, wenn ich das mal so verkürzt anmerken darf. Trotzdem musste ich beim Text von Dirk Olbertz mehrfach zustimmenden mit dem Kopf nicken.

Es ist einfach, an einer Veranstaltung wie dem WordCamp Kritik zu über. Selber ein Barcamp zu organisieren dagegen wesentlich schwerer. Vor Leistung des Teams, welches viel Arbeit hatte, dass WordCamp 2011 in Köln auf die Beine zu stellen, habe ich großen Respekt. Gerade aber aus diesem Respekt heraus denke ich, ist konstruktive Kritik ein Zeichen der Fairness.

Drei Punkte, die Olbertz aufgeführt hat, möchte auch noch mal kurz anreißen, bevor ich meine eigene Sichtweise zu Veranstaltung beisteure. Die fehlende Vorstellungsrunde: ja, wäre vielleicht doch besser gewesen, so was zu machen. Auch wenn so was bei vielen Teilnehmer eine Tortour sein kann (alles behält man eh nicht), so bekommt man doch einen Eindruck, wer da alles gekommen ist. Klar, kann man auch alles in sein Profil auf der Webseite zur Veranstaltung reinschreiben, aber dann brauch man auch keine Barcamps mehr. Das Entscheidende ist schließlich das aufeinandertreffen von menschen aus Fleisch und Blut.

Die Sessions selber (Punkt zwei und drei): Fehlende Vortagskonzepte, mangelnde Tiefe, so dass wirklich Entwickler wenig damit anfangen konnten, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ein leichter Hauch von Kaffeefahrten, wo einem versucht wird, Heizdecken anzudrehen. Sicherlich sind Barcamps Veranstaltungen, auf denen vieles möglich ist. Auf denen sich Experten genauso wie blutige Anfänger treffen, auf denen Hobbyisten mit denen zusammentreffen, für die WordPress ihr täglich Brot bedeutet. So what? Das Problem liegt darin, dass es manchmal eine unsichtbaren Hand bedarf, die alles in die richtigen Bahnen lenkt. Natürlich kann man nicht alle Teilnehmer zufrieden stellen, aber wenn jemand zu einem abschließenden Urteil kommt wie

es gibt noch keine wirkliche Entwicklercommunity zu WordPress in Deutschland
Dirk Olbertz

dann ist das schon etwas, was ich nicht mit einem Schulterzucken abtuen lässt. Man sollte sich die Mühe machen, genauer hinzuschauen, überlegen, was eigentlich der Anspruch an das WordCamp 2011 in Köln war.

Persönlich kann ich dazu nur meine eigenen Beobachtungen sowie das, was ich aus Gesprächen mitgenommen habe, beitragen. Gut gefallen hat mir das T-Shirt und die Verkehrsanbindung (ok, das lag auch am Veranstaltungsort, zu dem ich bequem mit dem Fahrrad fahren konnte). Bei vielen anderen Sache hatte ich kein so gutes Gefühl. Dabei möchte ich das WordCamp nicht unbedingt mit anderen Barcamps vergleichen, nur mit dem Standard, den die Veranstalter sich selber geschaffen haben. Aus dem Bauch heraus komme ich immer wieder zu der Ansicht, dass das Barcamp in Jena (ich glaube das war das erste WordCamp) das Beste war. Oder? Ich weiß nicht. Vielleicht sollte man das gar nicht so vergleichen.

Ganz klar für mich ist jedoch die fehlende Ausrichtung. Wer ist denn nun die Zielgruppe des WordCamps gewesen? Leute, die privat mit WordPress bloggen? Oder Ein-Mann-Agenturen, die versuchen, mit WordPress Geld zu verdienen? Ich weiss es nicht genau, aber ich habe eine Vermutung. Den Anteil von Person auf den Barcamp, die WordPress nur für sich selber verwenden, würde ich (ohne jegliche statistische Grundlage) auf gerade mal 20 Prozent schätzen (bei den von mir besuchten Sessions musste man einfach nur auf die Fragen achten). Das WordCamp wäre demnach mehr eine Art Branchentreffen gewesen. Das war es aber, nicht, denn dazu passte die Art der Ausrichtung ebenso wenig wie die Themen der Sessions. Der aus meiner Sicht spannendste Beitrag für Blogger, „Bloggen: Zwischen Belanglosigkeit und Diskussionswürdigkeit“ entfiel leider ersatzlos (was man aber erst 15 Minuten nach Beginn der Session mitgeteilt bekam). Ob es für Leute, die WordPress kommerziell einsetzen, genügen neue Informationen gab, möchte ich nicht beurteilen. Für den Teil, der sich auf Shops bezog, kann ich für mich nur feststellen, dass ich nichts gehört habe, was ich nicht schon wusste.

Es ließe sich wohl noch lange über das WordCamp lamentieren, allerdings würde dabei keinen neuen Gedanken zum Vorschein kommen. Die Meinungen zur Veranstaltung gehen sicher auseinander. Neben denen, die enttäuscht waren, gibt es auch sicher welche, die ihren Nutzen aus dem Tag gezogen haben (und wenn es nur an dem Networking rund um die Sessions lag).

Meiner bescheidenen Meinung nach spiegelt jedoch das WordCamp genau die Situation wieder, in der sich WordPress selber gerade befindet. Es sitzt zwischen den Stühlen. An den Start gegangen als „klassischen“ Blog-System versuchte es immer mehr, neue Einsatzbereiche zu erschließen. Hintergrund der zum Teil ausufernden Featureitis sind zwei entscheidenden Faktoren. Der Versuch, auf die eine oder andere Art Geld mit WordPress zu machen (was per se nicht schlecht sein muss). Wesentlicher für mich aber wiegt, dass WordPress als Bloglösung seine Bedeutung verliert, weil Blogs (gerade in Deutschland) an Bedeutung verlieren. Dazu eine rein subjektive Beobachtung. Am vergangene Freitag habe ich mir die Statistiken meiner Webseite aus den letzten anderthalb Jahren angesehen, insbesondere auch die Entwicklung der Stammleser über Feedburner). In dem besagten Zeitraum habe ich 50 Prozent Leser verloren. Gleichzeitig hat sich mein Ranking bei lesercharts.de aber nicht nennenswert verschlechtert. Das geht nur, wenn auch die anderen Blogs, die dort erfasst sind, ebenfalls Leser verloren haben.

Ich denke, dass sich immer Stärker die Auswirkungen der sozialen Netzwerke und auch Diensten wie Twitter zeigen. Die Art der Kommunikation dort ist schneller, direkter. Hinzu kommt, dass es in der Aufmerksamkeitsökonomie, in der wir leben, ein Tag immer noch 24 Stunden hat. Je mehr Möglichkeiten des Informationsaustausches es gibt, desto stärker verlieren einzelne, isolierte Dienste wie (private) Blogs an Bedeutung. WordPress selber muss daher, will es als System überleben, neue Felder besetzen. Aus meiner Sicht ist das, so hat mir auch noch mal das WordCamp gezeigt, der Bereich kleinerer und kleinster Anbieter von Webdienstleistungen. WordPress hat ein eingängige, schnell zu verstehende Struktur, mit der man schnell seinen Kunden Erfolge präsentieren kann.

Ein Fazit. Lässt sich aus dem jetzt ein Fazit ziehen? Ehrlich gesagt, fällt es mir schwer. Eines möchte ich jedoch denen, die meinen, man könnte mit WordPress alles machen, mit auf den Weg geben. Es ist durchaus sinnvoll, für spezielle Aufgaben auch entsprechende Systeme zu verwenden. Also keinen Shop mit WordPress aufzusetzen oder umfangreiche Kundenprojekte mit einer komplexen Datenbankstruktur auch mit Lösung zu realisieren, die dafür besser geeignet sind. Natürlich lässt sich alles irgendwie mit WordPress lösen. Es besteht aber ein Gefahr darin, sich vollständig einem System in die Hände zu begeben. Es macht abhängig und es verführt zur Trägheit. Man wird blind für Dinge, die besser sind. Alles mit WordPress machen zu wollen ist ein Art Fundamentalismus, der nicht gut enden kann.

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