Medium und Botschaft

Immer wieder passiert es mir in letzter Zeit, dass ich Diskussionen über den Sinn und Unsinn von eBooks führe. Mein Standpunkt dabei ist ein pragmatischer. Ich bevorzuge weder die eine noch die andere Form, da meiner Meinung nach beide ihre Berechtigung haben. Wie sich das in Zukunft entwickeln wird, weiss ich nicht – und ehrlich gesagt ist es mir auch egal.

Man sollte das Ganze Thema einfach mit der gebotenen Gelassenheit angehen. Drüber bei HFs Libreta bin ich über ein Zitat von Martin Weskot, einem evangelischen Pfarrer gestolpert. Es stammt aus einem Artikel in der taz:

Wenn es heute nur noch E-Books gäbe, wüssten die Menschen nichts von Sokrates, Aristoteles und Plato.

Mich hat diese Art der Überheblichkeit neugierig, so dass ich mir den vollständigen Text durchgelesen habe. Wirklich erhellendes findet man nicht, nur noch folgende Aussage:

Lesen ist ein auch ein haptisches Erlebnis.

Vielleicht ist das so. Aber vielleicht ist es auch ganz anders. Herrn Weskot unterläuft wie nicht wenigen der Fehler, dass er das Medium mit der Botschaft verwechselt. Gerade als Pfarrer sollte er es eigentlich besser wissen, denn die Bibel ist weit mehr als ein blosses Buch. Ihre Botschaft ist nicht an ein Buch gebunden. Genaus so verhält es sich mit anderen Texten. Das Buch ist nur ein Medium, mehr nicht. Genauso kann man den Text zum Beispiel auch mündlich überliefert bekommen, wie es Jahrhunderte lang der Fall war.

Schauen wir uns noch mal das Zitat an: „Wenn es heute nur noch E-Books gäbe, wüssten die Menschen nichts von Sokrates, Aristoteles und Plato“. An dieser Stelle würde ich mir von Herrn Weskot gerne ein Buch von Sokrates zeigen lassen. Nein, keinen Nachdruck, sondern eines, dass aus der Zeit von Sokrates stammt. Wie, das gib es nicht? Ich dachte, Bücher würde die Zeit überdauern?

Hier wird verkannt, was die Menschen schon seit langer Zeit machen, um das Wissen in Büchern zu erhalten. Sie übertragen es, sie kopieren es. Nichts anders wurde unter anderem im Mittelalter in den Klöstern gemacht – lange vor dem Buchdruck. Der Buchdruck. Auch etwas, worüber man nachdenken sollte, denn erzeigt, dass das Medium Buch selber auch einem Wandel unterworfen ist und nicht ein statisches Element, ein Fels im Fluss der Zeit.

Ein eBook ist nichts anderes, als eine andere Art der Repräsentation eines Textes. Weder schlechter noch besser als ein Buch. Genau wie man ein Buch kopieren kann, kann man auch seine digitale Form kopieren. An der Stelle kann durchaus einwenden, dass genau das nicht immer möglich ist. Stimmt. Genau deshalb wäre es viel wichtiger, über offen Standards und die Befreiung von DRM zu reden, statt Gräben zu ziehen.

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