Frau W.

Sonnenstrahlen drangen durch die Scheibe, wagten sich bis zum Türrahmen herein. Auf ihnen tanzten die Staubkörner in der Küche. Der Blick nach Draußen indes fiel jedoch schwer, da die Scheibe mehr als nur die Spuren vom letzten Regen aufwies. Mit dem Rücken zum Fenster saß eine Frau am Tisch, der es in seiner Schäbigkeit mit dem Rest der Möbel aufnehmen konnte. Die Spuren des langen, stumpfen Gebrauchs zogen sich über die Haut bis in das Gesicht der Frau. Das was sich an Haarfarbe erahnen ließ, spiegelte wohl den Zustand ihres Lebens wieder. Schmutzig-grau, bar jeder Freude. Aus den Augen war der Glanz der besseren Tage, sofern es sie denn gegeben hatte, verschwunden. Früher war nichtmal mehr eine Ahnung. Nur noch eine Vorstellung, genauso in falschen Farben ausgeblichen wie das einzige Foto auf der Anrichte. Auf ihm ein Mann in wilder Ledermontur, der neben einem Motorrad lehnte und auffordernd in Richtung Kamera blickte. Hinter ihm konnte ein halb verdecktes Schild, auf dem „VEB“ gerade noch zu lesen war.

Freiheit und Abenteuer hatte damals seine Grenzen, genauso, wie es heute welche gibt. Unsichtbar und unüberwindbar. Der Blick der Frau war geradeaus gerichtet, nach oben über den Türrahmen, dessen Farbe gelbe Bläschen warf, aufgeplatzt und abgeblättert war. Noch oben zur Uhr, die da wohl hängen musste, so wie sie es in vielen Küchen des Hauses tat. Vor sich auf dem Tisch hatte sie eine Tasse stehen. Wasserdampf stiegt auf aus der Tasse. Ein Teebeutel schwamm obenauf. Kaum merklich der Geruch von Kamille. Deutlich dagegen die stickige Luft, durch die sich eine leichte Note von Urin zog.

Konzentriert rieb sie Daumen und Zeigefingern aneinander,weiterhin die Uhr im Blick.

„Ach Ferdinand“, entfuhr es ihr.

Noch einmal atmete sie tief ein und aus, dann nahm sie den Beutel aus der Tasse und legte ihn sorgfältig auf einen Unterteller. So wie er aussah, lag der Teebeutel nicht zum ersten Mail auf ihm. Die Frau strich sich den Rock glatt, ein Knistern lag danach in der Luft. Unter den Stuhl zog sie ihre Bein, die Füße über Kreuz. Gut sichtbar waren trotzdem noch die Löcher in der Strumpfhose. Mit dem linken Arm stützte sie ihren Kopf drückt die Hand gegen die Schläfe. Die Stelle an der Strickjacke, wo der Ellbogen auf den Tisch drückt, war schon fast durchgescheuert. Leicht nach vorne gebeugt griff sie zur Tasse, pustet über den Tee, bevor sie ihn schlürfen in Schlücken trank. Im Magen wärmte der Tee etwas, dämpfte das Hungergefühl.

„Ach Ferdinand.“

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