Gedanken zu Motivation

Als Autor ist man auch immer Motivationstrainer. Nicht nur für sich selbst, um sich trotz vermeintlicher Widerstände an den Schreibtisch zu bekommen, sondern auch für seine Figuren.

Manchmal hängen sie lustlos in einer Ecke einer Szene herum und wissen nichts mit sich anzufangen. Wenn der Auto sie nach draussen vor die Tür schicken will, damit sie dort in der Welt Abenteuer erleben könne, schauen sie ihn nur mit großen Augen an. „Warum soll ich das machen?“, scheinen sie zu fragen. „Hier drin ist es warm und gemütlich.“ die Figur braucht einen Anreiz, eine Motivation, damit sie ihren sicheren Platz verlässt.
Wer brutal ist, reisst ihr einfach das Dach über den Kopf weg und bringt die Wände zum Einsturz. Das führt aber im schlimmsten Fall dazu, dass die Figur einfach nur noch apathisch wird und das große böse Schicksal für ihre Situation verantwortlich macht, statt endlich zu handeln.

Jede Figur im Roman sollte ein Ziel haben, dass sie verfolgt. Hinter dem Ziel steckt das, was sie antreibt, ihre Motivation. Daneben hat eine Figur auch noch Bedürfnisse. Die Bedürfnisse einer Figur sind mitunter ihr selbst nicht klar. Sie strebt ein Ziel an, erreicht es sogar, wird aber nicht glücklich, weil das Ziel nicht ihr eigentliches Bedürfnis entwickelt.

Nehmen wir Paul. Paul will unbedingt viel Geld haben. Damit will er sich teure Anzüge und schnelle Autos kaufen. Im Verlauf der Handlung schafft es, sein Ziel zu erreichen. Er ist jetzt gut angezogen und hat eine Porsche vor seinem Traumhaus. trotzdem ist Paul nicht glücklich, denn eigentlich sehnt er sich nach Liebe und Anerkennung (sein Bedürfnis). Solange er sich darüber nicht klar ist, was er eigentlich will, kann Paul nicht glücklich werden. Dennoch ist Paul zumindest bis zu einem gewissen Punkt gekommen, weil er nicht ohne Motivation war.

Es gibt aber eben Figuren, die anders als Paul, nicht wissen, was sie wollen – weil es der Autor selber auch nicht weiss. Sie werden an einem Seil durch den Plot gezogen und stolpern von Szene zu Szene. Am Ende wissen weder sie noch der Leser, was das Ganze überhaupt sollte. Um so was zu vermeiden, muss man sich als Autor mit seinen Figuren auseinandersetzen. Je mehr man über sie in Erfahrung bringt, desto besser. Dabei muss nicht das gesamte psychologische Profil der Figur im Roman ausgebreitet werden. Es reicht, wenn man als Autor jeder Zeit eine plausible Antwort darauf geben kann, warum eine Figur gerade so und nicht anders handelt.

Zu etwas motivieren kann man seine Figur nur, wenn man sie kennt. Kennenlernen kann man Figuren, in dem man mit ihnen redet. Als Autor greift man dabei auf ein Set von Fragebögen zurück, um ein Persönlichkeitsprofil der Figur anzufertigen, lässt die Figur Tagebuch schreiben oder führt ein Interview mit ihr. Zusammen mit seiner Figur setzt man sich in ein fiktive Café, zückt Notizblock und Stift und fragt der Figur Löcher in den Bauch. Mit den gewonnen Erkenntnissen ist man in der Lage, sich über die Motive und Bedürfnisse einer Figur klar zu werden. So kann man Brotkrumen ausstreuen, denen die Figur hinterherläuft auf der Suche nach ihrem Ziel.

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