Ewig da in Dormagen

Eine so turbulenten Samstag wie gestern haben DER CHEF und ich lange nicht mehr erlebt. Eigentlich begann der Tag völlig harmlos. Etwas länger schlafen, in Ruhe frühstücken und einkaufen.

Da Nadine noch eine Friseur-Termin hatte, haben wir uns seit langem mal wieder aufgeteilt. Nadine übernahm den konventionellen Teil des Einkaufs während ich für das Bio-Zeugs zuständig war. Verbunden mit meinem Part war auch die Fahrt mit einem Call-a-Bike. In den letzten Wochen ist das bei mir viel zu kurz gekommen. Mein Eindruck ist, dass das nicht an sportlicher Faulheit lag, sondern auf die Angst vor Unfälle war, die mich zurückhielt.

Wie dem auch sei, DER CHEF und ich waren abmarschbereit, warfen aber vorher noch einen Blick in den Briefkasten. Neben dem Lehrerkalender für das neue Schuljahr, den sich Nadine bestellt hatte, gab es noch einen Brief von der Bezirksregierung. Eine gute, nein eine sehr gute Nachricht. Damit hat der Kalender auch einen Sinn bekommen. Die unerträgliche Anspannung, die uns beide in den letzten Wochen befallen hat, hat sich zwar nicht in Luft aufgelöst, aber merklich nachgelassen. Ein kleiner Grund zu feiern, da waren wir uns auf jeden Fall sicher.

Zu einer Zeit, die nicht mehr Nachmittag aber auch noch nicht so richtig Abend ist, stand eine Veranstaltung auf dem Programm. Um 18 Uhr gab es vom Zirkus Konfetti „E’wigda – Jeder Held hat sein Geheimnis“. Ein Aufführung in Köln-Buchheim, an Nadines Schule. Wir waren früh vor Ort, so dass mir Nadine noch etwas ihren Arbeitsstätte zeigen konnte. Bisher war mir diese völlig unbekannt. Grün ist es und auch ruhig, wenn man sich die Flugzeuge im Tiefflug wegdenkt. Dort zu wohnen ist dennoch sicherlich gesünder als mitten in der Stadt, aber ich hatte den Eindruck, das dort die Zeit etwas steht. Ohne Auto würde es auch schwer sein, die Einkäufe zu erledigen. Abgesehen davon findet es Nadine nicht erstrebenswert, in unmittelbarer Nähe zur Schule zu wohnen – kann ich auch nachvollziehen.

Das Stück was wir uns angesehen haben, ist schwer zu beschreiben. Eine lose Handlung bildete den Rahmen für artistische Aufführungen. Die haben mich zum Teil wirklich beeindruckt. Was davon am besten war, ist eine Frage, die sich nicht stellt, denn alle Schülerinnen und Schüler waren engagiert bei der Sache, so dass eine Hervorhebung von einzelnen Leistungen die anderen ein Stück weit abwerten würde. Von allen Sachen, die ich gesehen habe, war das Vertikaltuch jedoch etwas, was ich so in der Form nicht kannte. Artistik mit Tüchern, dass hat was elegantes. Ein Seil, kennt man, da weiß man, wie tragfähig es sein kann. Aber Tücher, die in Bahnen herunterhängen sind ganz anders von der Wirkung und erfordern vermutlich nicht wenig an Training, um sie zu beherrschen.

Nach der Aufführung gab es ein Problem, welches wir bei vorhergesehen hatten: Hunger. Vor der Veranstaltung wollten wir nicht essen gehen. Zum einen, weil wir es nicht mögen, mit Blick auf die Uhr Dinge in uns hineinzustopfen zum anderen, weil wir zu diesem Zeitpunkt noch satt vom Mittagessen waren. Da ich diesmal etwas klüger war, klärte ich über Internet ab, wo man in Köln noch bis 4 Uhr was zu Essen bekommt. Unsere Wahl viel auf Maredo am Heumarkt. Fest davon überzeugt, dass die Bahn direkt dort hält, stiegen wir in Buchheim ein. Auf der anderen Rheinseite war es die Haltestelle Severinstraße, wo wir wieder ausstiegen. Das kommt davon, wenn man die Deutzer Brücke mit der Severinsbrücke verwechselt (leider war das nicht mein letzte Fehler an diesem Abend). Wir haben uns dann quer durchgeschlagen, was im Dunkeln mit mangelndes Ortskenntnissen und bei Regen so eine Sache ist.

Kurz vor 22 Uhr waren wir dann am Ziel, fanden auch einen netten Platz und studierten die Karte. Da ich am Abend noch meine 400 Wörter zu schreiben hatte, zog ich aus meiner Tasche Notizbuch und Kugelschreiber hervor. Man muss mir wirklich glauben, dass ich keine böse Absichten hatte. Nadine meinte nur hinterher zu mir, dass sie noch nie so schnell Essen bekommen hätte in einem Restaurant, vor allem noch vor Gruppen, die länger als wir gewartet hatten. Das Essen selber war mehr als nur einwandfrei, die Bedienung extrem schnell und höflich. Wie gesagt, ich wollte nur meinen Text schreiben.

Nach dem Essen hatte der Regen leider nicht Feierabend gemacht. Wir hatten, um nach Hause zu kommen, die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. Entweder mit der Straßenbahn vom Heumarkt aus fahren und umsteigen oder zum Hauptbahnhof und dann dort direkt mit der S-Bahn zum Hansaring. Trotz des Wetters entschieden wir uns für die zweite Option, weil sie uns schneller erschien. Wie gründlich wir uns doch irren würden.

Im Bahnhof wimmelte es wieder mal von Gruppen, die auffällig T-Shirts trugen. Jungesellenabschiede entwickeln sich in Köln wirklich zu einer Plage, wie ich finde. Ich wollte daher so schnell wie möglich zu Gleis 11. Dort stand abfahrbereit ein Zug, in dem wir dann einstiegen. Aus den Augenwinkeln hatte ich nur wage etwas von Krefeld gelesen. Passt schon. Zumindest war ich davon überzeugt, da ich sonst immer in alles einsteige, was von Gleis 11 fährt. Die nächste Stadtion ist dann Hansaring. Nadine war sich nicht so sicher – und sollte recht behalten. Am Hansaring hielt unser Zug nicht, sondern fuhr weiter. Nun gut, von ihren Fahrten nach Bonn ging Nadine davon aus, dass der Zug spätestens in Köln-Süd halten würde. Von dort aus hätten wir dann wieder sie Stadtbahn zurück nehme können. Der Zug hielt aber nicht, sondern beschleunigte weiter. Das war der Moment, wo mir dann trotz der eher kalten Außentemperatur der Schweiß auf der Stirn stand. Nicht nur, weil Nadine keine gültige Fahrkarte hatte (bei mir ist das aus Gründen kein Problem), sondern auch, weil uns nicht klar war, wo der Zug halten würde und vor allem, wie wir von dort aus wieder zurück kommen würden.

Irgendwann sah ich dann eine Schaffnerin, die Fahrkarten kontrollierte. Fahren ohne gültigen Fahrausweis, umgangssprachlich aus als Schwarzfahren bezeichnet, kostet in der Regel mindestens 40 Euro. Statt zu warten bin ich direkt zur Zugbegleiterin gegangen, habe ihr meine Bahncard 100 gezeigt und ihr unsere Situation geschildert. Nadine musste nichts nachlösen. Die Frage, welche Stadtion als nächstes kommen würde, wurde dann durch den Halt des Zuges in Dormagen beantwortet. Da standen wir dann. Den Bahnhof in Dormagen um diese Zeit als etwas anderes als ausgestorben zu bezeichnen, wäre nicht richtig. Es kann wohl als großes Glück bezeichnet werden, dass wir nur sieben Minuten auf den Gegenzug warten mussten, der uns wieder an den Ausgangspunkt brachte. Wieder Kölner Hauptbahnhof, wieder rauf auf zum Gleis 11. Diesmal dann in die richtige S-Bahn. Fünfzehn Minuten vor Mitternacht war ich dann am Schreibtisch zu Hause und schaffe es auch noch bis kurz vor 12, meine 400 Wörter zu schreiben. Ich glaube, so schnell war ich noch nie.

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