Banalität und Wirkung

Aus dem Autorenworkshop von Stephan Waldscheidt am Wochenende in Karlsruhe habe nicht nur Anregungen mitgenommen, sondern auch ein paar Fragen, die ich für mich selber beantworten möchte.

In den Unterlagen, die wir alle bekamen, findet sich eine Liste mit Dingen, die man als Autor vermeiden sollte. Dazu gehören unter anderem:

  • Charaktere, die sich begrüßen oder verabschieden oder Floskeln austauschen
  • Charaktere, die einfach nur Kaffee miteinander trinken

In Bezug auf Begrüßung war angemerkt, dass ein Dialog im Roman nur die Höhepunkte eines Gespräches einfängt. Das mag sein und ich wage mal zu behaupten, dass die Regeln auch Sinn machen. Trotzdem reizen gerade diese beiden Regel mich, sie zu brechen. Das liegt daran, dass ich mir heute Nacht, zwischen Wach sein und einschlafen Szenen vorgestellt habe, wo genau diese beiden völlig banalen und alltäglichen Dinge Sinn machen – wenn man sie in einem absurden Rahmen einbindet.

Mit dem Rühren eines Löffels im Kaffee (ich glaube es war sogar ein Espresso) fängt der Film „Password Swordfish“ an. Dabei hält die Figur Gabriel Shear einen Monolog über drittklassige Hollywood-Drehbücher. Man muss den Film gesehen habe um zu sehen, warum gerade dieser Anfang meisterhaft ist.

Genauso können wir uns eine Szene vorstellen, wo völlig Alltägliches eine Spannung erzeugt. Zum Beispiel, wenn sich Aufseher und Gefangener über begrüßen, über das Wetter unterhalten und so weiter. Ein solche Szene funktioniert allerdings dann nur, wenn es eine Situation der Bedrohung gibt, die diesen Dialog konterkariert, oder aber der Dialog für die Vorwand ist. Sie simulieren nur Normalität, während sie eigentlich zwischen den Zeilen kommunizieren.

Zucker in den Kaffee geben, Milch eingießen, umrühren, vorsichtig daran nippen kann man auch beschreiben, wenn das Bild eine Nahaufnahme ist, aus der man dann in den nächsten Sätzen herauszoomt. Die Figur, die gerade trinkt kann sich mitten auf einem Schlachtfeld befinden. Oder es ist ein zum Tode Verurteilter, der gerade die letzte Mahlzeit ausklingen lässt.

Noch eine andere Sache, wo ich gerne widersprechen möchte. Man sollt einer Szene nicht von Person zu Person, von Kopf zu Kopf springen, weil es den Leser verwirrt. Während Stephan Waldscheidt das im Workshop ausführte, viel mir eine Szene ein, wo sich genau das Springen gut einsetzen ließe, um ein Summen sehr vieler Gedanken zu erzeugen. Stellen wir uns eine Zug voller Reisender vor. Wir springen von Kopf zu Kopf, beschäftigen uns kurz mit den Gedanken der Figur mit seinem Leben, bevor wir weitereilen und bevor – der Zug entgleist. Ein Unglück mit zahlreichen Toten. Oder ein Bombenanschlag auf einem gut besuchten Markt.

Ich gebe zu, dass das alles Grenzfälle sind. Vermutlich auch Beispiele, wo man sich schon etwas von der reinen Unterhaltung entfernt hat. Gerade aber das finde ich reizvoll.

Kommentar verfassen