Was kostet ein Satz

Der eine oder andere mag es vielleicht vorher schon per Twitter mitbekommen haben, wo ich gestern war. Aber lassen wir mal ganz offiziell die Katze aus dem Sack. Ich war in Karlsruhe beim Roman-Workshop von Stephan Waldscheidt.

Nicht-Autoren stellen bei so was immer ganz unverblümte Fragen, wenn man ihnen davon erzählt. Zum Beispiel: Und, hat es geholfen? Die Antwort schiebe ich erstmal ein wenig auf und beginne, wie es sich gehört, mit der Beschreibung des Setting. Seit dem ich Köln wohnen, lass ich mich nicht mehr so leicht von fremden Städten beeindrucken (was jetzt nicht bedeuten soll, dass Köln eine architektonische Perle ist). Es ist vielmehr so, dass viele Städte auf mich nicht nur kleiner wirken, sondern es tatsächlich auch sind. Zu Bielefelder Zeiten war das anders – aber ich schweife gerade ab. Karlsruhe also. Meistens ist das Erste, was ich von einer Stadt sehe, ihr Bahnhof. Was kein Wunder ist, wenn man mit Zug unterwegs ist. Der Bahnhof in Karlsruhe ist übersichtlich, aber nicht hässlich. In Würde gealtert, könnte man sagen. Er ist keiner dieser Bausünden, die man aus dem Ruhrgebiet kennt, die auch mit bestem Willen nicht besser werden (komisch, dass ich gerade an Essen denken muss).

Wenn man in Karlsruhe aus dem Bahnhof herauskommt und das Glück hat, nicht über eines der vielen Fahrräder am Vorplatz zu stolpern, fällt einem unmittelbar der Stadtgarten samt Zoo ins Auge (dazu später mehr). Danach holt einen das Düsseldorf-Gefühl ein. Wo ist die Innenstadt, fragt man sich. Nicht da, wo der Bahnhof ist. Zu Fuß braucht man gut 15 Minuten, bis man so etwas gefunden hat, was einer handelsüblichen Fußgängerzone nahekommt. „Marktplatt / Pyramide“ nennt sich die Haltestelle, sofern man vom Bahnhof aus mit der öffentlichen Verkehrsmittel dorthin will. Aber eigentlich bin ich auf falschen Seite, denn der Workshop sollte in Weiherfeld-Dammerstock, etwas südlichen vom Bahnhof stattfinden. Nach einem ordentlichen Fußmarsch (25 Minuten sind mehr als 10 Minuten…) fand ich mich in einer kleinen Galerie ein. Zum Stärkung hatte Herr Waldscheidt neben Kaffee und Wasser auch Brezel und Erdbeerkuchen bereitgestellt.

Mit mir waren es insgesamt sieben Teilnehmer, die sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral machen wollten. Bis zum frühen Abend und einem lockeren Ausklang beim Inder ging es vor allem um die Entwicklung von Figuren. Figuren, die nicht nur eindimensional sind, sondern lebendig und glaubwürdig. Für mich war Neues, aber auch vieles dabei, was ich mir schon aus den ganzen Schreibratgebern erarbeitet hatte. Falls das jetzt zu negativ klingt: so ist es nicht gemeint. Vielmehr bekam ich durch Stephan Waldscheidt eine komprimierte Zusammenfassung in verständlicher Form serviert. Es war auch erfreulich zu sehen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Endgültig für mich beantwortet habe ich allerdings eine Frage noch nicht. Was will ich? Literatur oder Unterhaltung schreiben? Wenn ich ganz ehrlich zu mir selber bin, finde ich diese typische deutsche Einteilung völlig blödsinnig. Helfen tut jedoch nicht. Wenn es wirklich nur die beiden Optionen gibt, wie Herr Waldscheidt sagte, dann kommt man nicht um eine Entscheidung herum. Wenn ich mir hier am heimischen Schreibtisch beide Optionen noch mal in Ruhe durch den Kopf gehen lasse, ist die Antwort dann eine Feststellung. Für Literatur bin ich zu alt.

Nach dem das jetzt geklärt ist, wäre ein Fazit wohl angebracht. Meiner Meinung nach hat sich für mich die Fahrt nach Karlsruhe und die Teilnahme am Workshop auf jeden Fall gelohnt – danke noch mal an dieser Stelle an Stephan Waldscheidt. Interessant fand ich auch mitzubekommen, mit welchen (oft gleichen) Schwierigkeiten andere Autoren kämpfen. Sollte wieder ein Workshop angeboten werden, bin ich auf jeden Fall wieder dabei.

Fehlt jetzt nur noch die Sache mit dem Zoo. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich des öfteren schon mal meine Meinung zu diesen Tiergefängnissen geäußert. Wer wie ich in Afrika Elefanten in freier Wildbahn gesehen hat und dann erleben muss, auf welchem engen Raum die Tiere hier vegetieren – einfach schrecklich. Wer selber mal ein Gefühl dafür bekommen will, sollte eine Tageszeitung ausbreiten und sich ein paar Minuten darauf stellen. Mehr Platz gibt es nicht.

Dennoch war ich heute morgen im Zoo. Ich hatte einfach noch zu viel Zeit über. Mehr Frühstück passte nicht in mich rein und besonders ergiebig war der Bahnhof auch nicht. Also in den Zoo, um sich dort die Zeit zu vertreiben (manchmal habe ich so zynischen Phasen). Beim Anblick der apathischen Schimpansen und eines autoaggressiven Eisbärs habe ich meine Entschluss bitter bereut. Die Einzigen, die sich einigermaßen Wohl zu fühlen schienen, waren die Seelöwen – wobei, ich glaube das war nur ein falscher Eindruck. Lassen wir die Tiere in Ruhe, das deprimiert nur.

Der Besuch hat sich aus einem Grund gelohnt und damit erklärt sich dann hoffentlich die Überschrift. Der Eintritt in den Zoo kostete mich 6,50 Euro. Nach meiner zweiten Runde durch den Zoo (er ist nicht wirklich groß) begegnet mir ein Vater mit seinem siebenjährigen Sohn. Der Kleine hatte eine Stapel mit Prospekten in einem Plexiglaskasten entdeckt.

„Papa, was ist das?“
„Ein Informationsblatt. Lass das liegen, so gut kannst du nicht lesen.“

Es ist dieser eine Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. In ihm steckt eine gehörige Portion Grausamkeit. Gerade als Autor hat er mich besonders betroffen gemacht. Man kann lange darüber nachdenken. Hoffen wir mal, dass nicht alle Eltern so sind, denn sonst brauchen wir bald keine Bücher mehr.

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