Fanpost und Tabus

Fanpost und Tabus

Um heute morgen etwas Wartezeit zu überbrücken, habe ich „Das grosse Lexikon des Verbrechens“ an einer zufälligen Stelle aufgeschlagen und einen Eintrag gelesen. Es ging um Karl May.

Was hat der mit Verbrechen oder Krimis zu tun? Eine nicht unberechtigte Frage. Der Schreiber zahlreicher Abenteuerromane hat es selber mit dem Gesetzt nicht so genau genommen. Für mich eher unspannend. Im letzten Absatz über May steckt jedoch ein Detail, in dem nicht wenig Potential steckt. Der Schriftsteller soll im Jahre 1912 in Wien einen Vortrag zum Thema „Empor ins Reich der Edelmenschen“ gehalten habe. Unter den Zuhören war, so das Lexikon, Adolf Hitler. Dieser war auch Leser der Abenteuerromane – selbst nach 1933.

Ein schwieriges Thema, aber mit Sicherheit lässt sich daraus eine interessante Idee entwickeln. Was wäre, wenn Hitler May damals einen Brief geschrieben hätte? was würde in dem Brief stehen? Wie hätte May reagiert? Oder ist das ganze ein Tabu-Thema für deutsche Autoren?

Nehmen wir mal an, es ging nicht darum, durch Fiktion zu beschönigen. Trotzdem würde immer noch die Frage im Raum stehen, warum man dieses Thema aufgreift. Ohne Rechtfertigung wird es schwierig. Die Person Hitler kann man nicht einfach in einem fiktionalen Text einbauen, um damit billige „Gruseleffekte“ zu erzielen. Um ihn in einem fiktionalen Text auftauchen zu lassen, sollte es daher einen guten (einen verdammt guten) Grund geben.

Vorstellbar ist, dass durch den fiktiven Brief etwas gezeigt werden soll. Was das sein könnte, liegt auf der Hand. Die gesamten Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus sind, so hart das auch klingt, nicht von „dem Bösen“ oder irgendwelchen Bestien begangen worden, sondern von Menschen – an Menschen. Wir müssen als der Tatsache ins Auge sehen, dass selbst der grösste Verbrecher ein Mensch ist. Leugnen wir das, begeben wir uns auf einen gefährlichen Weg, da wir genau das machen, was die Nationalsozialisten auch gemacht haben: ihren Opfern das Mensch sein aberkannt. Wer sein Gegenüber nicht mehr als Mensch ansieht, ist zu vielerlei Grausamkeit fähig.

Zurück aber zum Brief. Hitler hätte also einen Brief an May schreiben können. Der genau Inhalt ist für die Erzählung fast egal, auch wenn sie fast ausschließlich aus diesem Brief bestehen würde. Erst am Ende erfährt der Leser, wer den Brief geschrieben hat. VErsuchen wir uns vorzustellen, was in dem Moment, wo der Leser erkennt, von wem der Brief stammt, in ihm vorgehen könnte. Zunächst erschreckt man sich. Je banaler der Inhalt war, desto stärker ist der Schrecken am Ende. Dan setzt das Nachdenken ein. An dieser Stelle kann ich als Autor hingen und grob die Richtung vorgeben, durch das vermeintlich banale, das ich vorher im Brief untergebracht habe.

Die Intention wäre dabei, dem Leser einen Spiegel vorzuhalten. Sie da, du bist ein Mensch, genau so wie er. Hüte dich vor Vorurteilen, denn sie führen (das ist vielleicht etwas plakativ) in letzter Konsequenz auf einen dunklen Weg.

Wie bereits mehrfach betont, ist das kein einfaches Thema. Es ist zudem auch eins, bei dem man ziemlich gut auf die Nase fallen kann (um es mal harmlos auszudrücken). Richtig angepackt, ist es aber durchaus Stoff, aus dem man eine Erzählung stricken kann, die ihre Berechtigung hat. Nicht leugnen möchte ich, dass es dazu auch Mut bedarf. Etwas Mut hat es auch gebraucht, diesen Beitrag nicht nur zu schreiben, sondern auch zu veröffentlichen.

Meine Frage an die Leser wäre an dieser Stelle, wie Sie / Ihr das sehen / seht. Sind solche Themen tabu? Kann man darüber schreiben, wenn man eine triftigen Grund hat oder ist es besser, die Finger davon zu lassen? Gibt es noch andere Themen, die für einen fiktionalen Text nicht verwendet werden sollten?

2 Replies to “Fanpost und Tabus”

  1. Eigentlich wirft der Text doch zwei Fragen auf, darf man über den Menschen Hitler schreiben und wie reagiert der Leser wenn eine Figur nicht dem bisher gemachtem Bild entspricht.

    Zur ersten Frage:
    Natürlich darf man die Person Hitler zum Thema machen, ist bereits oft, in Literatur und Film, geschehen. Aber Du hast recht, man sollte einen guten Grund haben und sich genau überlegen welche Aussage will ich damit treffen. Und auch vorher die Frage beantworten, wie viel Wahrheit ist in der Fiktion.
    Gudrun Pausewang hat in ihrem Jugendbuch „Adi Jugend eines Diktators“ versucht sich dem jugendlichen Hitler anzunähern. Interessant die folgenden Sätze im Nachwort zu dem Buch: „Als dieses Buch 1997 erschien, machten mir manche Zeitgenossen den Vorwurf, ich hätte Hitler nicht als Monster, als Personifizierung des „absolut Bösen“, sondern als Menschen – wenn auch als unsympathischen – geschildert. Ja, das tat ich. Denn Hitler war ein Mensch, kein Dämon. Wer Hitler als Monster, als Teufel gesehen haben möchte, der befreit damit, bewusst oder unbewusst, dessen Anhänger von der Schuld, ihm nicht Widerstand geleistet zu haben. Denn was kann denn schon ein Mensch gegen ein Monster ausrichten? Hitler war ein Mensch. Das sollten wir nie vergessen. Darin liegt die Gefahr.“

    Die andere Frage:
    Den Überraschungseffekt, kann man seinen Figuren auch anders, mitgeben. Es ist das Spiel mit Erwartungen und Vorurteilen und Tabubrüchen. Was ist einer Figur, einem Charakter erlaubt und wann fängt die Grenzüberschreitung an, wann kippt die Sympathie des Lesers und nicht zuletzt was will ich damit bezwecken.

    Sehr gut ist das, wie ich finde, Karin Slaughter in „Verstummt“ gelungen.
    Einer Ihrer Charaktere, einer von den „Guten“, betrügt seine Ehefrau mit der Nachbarin. Das ist inzwischen leider nicht mehr so der Aufreger, das der Leser ihn direkt verurteilen würde. Im weiteren Verlauf der Geschichte stellt sich heraus, dass die Nachbarin um die es geht, noch minderjährig ist. Und da kippten dann zumindest meine Sympathien/Emotionen ganz gewaltig.

    Genau das ist die Kunst, mit den Emotionen des Leser zu spielen, ihn in bestimmte Richtungen zu leiten, was natürlich gut funktioniert, wenn man Klischees und Vorurteile bedient. Aber dann auch den Überraschungsmoment zu haben, wo das Bild das sich der Leser macht und die Erwartungen die er hegt, ganz flott über den Haufen geworfen werden.

    Bediene ich mich da einer Person, die jeder kennt, gebe ich das Bild desjenigen natürlich schon vor. Das macht es einfacher, anders muss ich erst Raum haben um die Person, den Charakter zu entwickeln, damit ich ihn später verändern und vielschichtiger werden lassen kann, als es auf den ersten Blick scheint.

    In Abgründe zu fallen, macht dann am meisten Spaß, wenn es nicht vorhersehbar ist.

    1. Das Nachwort von Gudrun Pausewang ist sehr aufschlussreich – ich bin davon überzeugt, dass man genau diese Vorwürfe wieder zu hören bekommen wird, wenn man das Thema angeht. Das es ein Tabu ist, sich damit zu beschäftigen, könnte man auch an der überschaubaren Anzahl Kommentare zu meinem Beitrag ablesen – wobei ich das nicht überbewerten will.

      Wie man mit Erwartungen, Vorurteilen und Tabubrüchen als Mittel in der Literatur umgehen kann, wird am Beispiel von „Verstummt“ schon sehr deutlich. Die Gefahr, die darin liegt, ist aber genau die von dir beschriebene: das Kippen der Sympathie. Wenn das in einem normalen Roman in Bezug auf den Protagonisten passiert, geht man als Autor ein hohes Risiko ein. Das, was bei Kurzprosa funktionieren kann, wird in den meisten Fällen im Roman nicht gelingen. Warum soll ich als Leser ein Buch weiterlesen, wenn mir die Hauptfigur mittlerweile unsympathisch geworden ist?

      Abgründe sind durchaus erlaubt in einer Erzählung, aber der Leser, so wage ich mal zu behaupten, brauch eine Identifikationsfigur.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren