Pro, log er

Pro, log er

Es muss irgendwo, vielleicht sogar in den Bergen, ein geheimes Trainingslager für Autoren geben. Dort wird ihnen dann bei Androhung von 50 Liegestützen von einem gnadenlosen Lektor beigebracht, keinen Roman ohne Prolog zu schreiben.

Wirklich, ich hoffe sehr stark, dass ich niemals in dieses Lager komme. Prologe sind mir ein Graus (und in guten Ratgebern zum Schreiben wird auch empfohlen, sie zu vermeiden). Wenn es eine Geschichte vor der Geschichte gibt, dann sollte das Buch direkt damit anfangen. Während im letzte Krimi (ich verdränge lieber mal den Titel) der Prolog noch besonders schwachsinnig war, weil er ein Szene kurz vor Ende des Romans vorweg nahm, ist es in „Mord im Bergwald“ von Nicola Förg, nicht ganz so arg. Allerdings frage ich mich, warum der Prolog nicht gleich das erste Kapitel ist – oder ganz entfällt, denn die beiden Polizistinnen werden später noch mal in aller Ausführlichkeit präsentiert (nebenbei Lucie Flebbe in „Fliege machen“ hat keinen Prolog geschrieben, aber ihr Krimi liegt hier noch auf dem großen Stapel der ungelesen Bücher).

Lassen wir also den Prolog weg. Bleibt immer noch der größte Teil des Buches über. Auch wenn ich Schnell- und Vielleser bin, habe ich „Mord im Bergwald“ noch nicht durch (gerade die Hälfte geschafft). Fest steht für mich aber, um mit dem positiven anzufangen, dass Frau Förg vieles richtig macht. Als Erzählzeit wählt sie das Präteritum, verwendet die personale Perspektive, nichts passiert „plötzlich“ – selbst der Dialekt ist trotz seiner Häufigkeit gut eingesetzt, so dass es auch einem Preußen nicht schwer fällt, dem Text zu folgen. Trotzdem werde ich mit dem Buch nicht warm. Die Personen werden nicht lebendig, man betrachtet alles distanziert, es plätschert bisher ehr gemächlich dahin. Streckenweise versucht Förg, zu viel unterzubringen, überfordert den Leser mit Details.

Nehmen wir mal den Anfang des ersten Kapitels:

Beruhigen kraulte Vitus Weingang die Mulidame Zilly am Hals. Unwirsch schüttelte sie den Kopf und erzeugt ein unnachahmliches Geräusch, als ihre langen Ohren zusammenflappten.

Weckt das wirklich Lust, weiter zu lesen?

Nehmen wir einen anderen Anfang (auch aus meinem Stapel ungelesener Bücher):

Ich geh also heute zum Simmerl (Dienstag Schlachttag: Blut- und Leberwürste). Ja, und da ist dann wieder diese Pelzmütze vor der Tür gelegen. Direkt vor der Eingangstür zur Metzgerei liegt eben diese Mütze.

Zumindest ich muss mich stark bremsen, um nicht alles andere liegen zu lasen und sofort weiter zu lesen (der Anfang stammt aus „Winterkartoffelknödel“ von Rita Falk).

Vielleicht aber gibt es bei „Mord im Bergwald“ noch etwas, was mich überraschen wird – ganz plötzlich.

4 Replies to “Pro, log er”

  1. Du bist immer so absolut in Deinen Forderungen. Ich war in keinem Trainingscamp und schreibe trotzdem mitunter Prologe. Nicht immer passen sie, das stimmt, aber dieser Generalverurteilung kann ich nicht zustimmen.

    In meinem historischen Roman muss ich erklären, wer der Erzähler ist, da man ihm erst später in der Geschichte selbst begegnet. Er erzählt die Geschichte seines Freundes. Würdest Du das auch verurteilen?

    1. Ich verurteile nichts (schließlich bin ich kein Richter), ich stelle nur fest. Auch in einem historischen Roman kann man ohne Prolog auskommen. Die Geschichte sollte aus sich selbst heraus erklärend sein, ohne „Anleitung“.

      Elmore Leonard schreibt dazu: „Prologe sind Vorgeschichten und sollten aus diesem Grund in die Geschichte an einem beliebigen Punkt eingearbeitet werden.“

  2. Hm, ich sehe, in manchen Dingen werden wir uns niemals einigen. Gut so! Das regt zum Nachdenken an.

    Ich halte Prologe nicht für „Anleitungen“, sondern für eine Möglichkeit, den Leser einzustimmen, mitzunehmen, mit einem kurzen Stückchen Text schon an mich und meine Erzählung zu binden.

    Ich würde da nicht „PROLOG“ drüberschreiben, aber auch nicht „ERSTES KAPITEL“. Es ist eine Hinführung zum Text, damit sich der Leser von Anfang an wohlfühlt und nicht erst irritiert um sich guckt.

    1. Mhm, was du da beschreibst hört sich für mich nach dem narrativen Haken an. Das kann auch das erste Kapitel leisten.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren