Jour Fitz

Den Begriff ‚Jour fixe‘ habe vor Jahren zum ersten Mal bei akamedia (Tochterfirma der RAG, heute Evonik) gehört – aber darum geht es heute gar nicht, sonder um ‚Jour Fix‘ gestern Abend im 4010 in Köln.

So genau wusste ich nicht, was mich erwartet. Das Einzige, was mir vorher klar war: ich kenne weder Veranstaltungsort, noch Veranstalter, noch irgendeinen der Gäste (letzteres relativierte sich dann etwas, da zwei Damen aus Essen da waren, die ich mal bei einem Twittagessen gesehen hatte). Aber solcherlei hindert mich nicht, Veranstaltungen zu besuchen. Schließlich kann man nichts Neues kennen lernen, wenn man immer nur Bekanntes sucht.

Jour Fitz


Genug der Vorrede, kommen wir zu Location. Auch wenn es etwas nach Teenie klingt: Einfach nur Wow! Das 4010 ist schon ziemlich abgefahren (wieder so jugendlich-anbiedernder Begriff, aber es trifft einfach zu). Wenn man bedankt, dass das eigentlich eine Geschäft der Telekom ist – man kann es kaum glauben.

Wenden wir uns der Veranstaltung von Jan-Uwe Fitz (daher wohl der Name Jour Fitz) zu. Eine ‚Web 2.0‘-Lesung. Aha. Gelesen habe aber ganz normale Menschen aus Fleisch und Blut von ganz normalen Papier. Also nix mit ‚Bitte denken Sie an die Umwelt, bevor Sie dieses Manuskript drucken‘.

Gelesen haben der besagte Jan-Uwe Fitz, Carsten Kubicki, Erasmus von Meppen, Judith Gliesche, Anja Gottschling, Frédéric Valin, Matthias Sachau sowie immer wieder Ingo Neumayer als ‚Lückenfüller‘ mit einem (es waren dann jeweils drei auf einen Schlag) 12-zeiligen Gedicht.

Alles zusammen würde ich wohl unter den Begriff Popliteratur fassen, auch wenn das nicht ganz zutreffen mag. Die Texte hatten als gemeinsame Eigenschaft, dass sie lustig sein sollten (oder sogar waren). ‚Jungautoren‘, von den sprachlich Judith Gliesche die jüngste war. Sorry, aber den Texten fehlt einfach noch die gewisse Reife, nicht nur im Ausdruck (wenn es so hart kling: Leute, ich bin etwas verwöhnt von den vielen Lesungen, die ich bisher besucht habe).

Ausgesprochen positiv ist mir Frédéric Valin (der mit dem Hut) in Erinnerung geblieben. Sein Text aus dem Buch ‚Randgruppenmitglied‘ war nicht nur stilistisch ein Genuss, sondern auch ein gutes Beispiel dafür, wie Humor in einer Geschichte funktionieren kann. Es ging um eine Gruppe von Flugreisenden, die sich vor dem Star in der Bar trafen, um sich so zu betrinken, dass sie vom Flug nicht viel mitbekommen würden. Der Ich-Erzähler fragte sich, warum auf Fotos von abgestürzten Flugzeuge immer ein einzelner Schuh zu sehen ist. Seiner Vermutung nach war das wohl ein Hinweis darauf, dass man besser gelaufen wäre. (Wer es genau nachlesen will, sollte sich das Buch kaufen.) Gruß der Aviophobiker soll ‚Kein Deutscher unter den Opfern‘, sein so der Ich-Erzähler. Vermutlich hat er wohl auch das Buch ‚Auch Deutsche unter den Opfern‘ von Benjamin von Stuckrad-Barre gelesen.

Nicht zu verachten waren auch die Vorträge aus ‚Entschuldigen Sie meine Störung: Ein Wahnsinnsroman‘ von Jan-Uwe Fitz bei dem eine Frau einvernehmlichen Sex mit einem Vorhang hatte und der Besuch im Darkroom von Carsten Kubicki.

Fazit des Abends: Viel gelacht und die Erkenntnis gewonnen, dass ich selber ganz anders schreibe. Mit meiner Geschichte ‚Der böse Wolf‘ ich vermutlich die gesamte Stimmung versaut. Ich mag lustig, aber nur, wenn es andere schreiben. Mir liegen eher die ernsthaften Themen. Gut, wenn man das nicht nur für sich erkennt, sondern auch annimmt.

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