Lokaler Bezug

Wer Kurzgeschichten und Romane schreibt, steht mitunter vor der Frage, ob er einen lokalen Bezugsrahmen schaffen soll oder nicht.

Eine Frage, die sich möglicherweise bei bestimmten Genres einfacher beantworten lässt. Im Bereich Science Fiction und Fantasy drängt sich ein regionaler Bezug kaum auf, würde da auch eher störend wirken. Den Gegenpol dazu bilden historische Romane und Erzählungen. Sie benötigen den Bezugsrahmen, um authentisch zu wirken, können daher nicht frei im Raum schweben.
Bei allen anderen Genres wird es dagegen schwierig, eine pauschale Antwort zu geben. Es kommt auf den Einzelfall an, ist man geneigt zu sagen. Das ist aber eine sehr billige Art, sich um eine Antwort zu drücken. Daher ist es unvermeidbar, auf der Suche nach einer brauchbaren Antwort sich exemplarisch einen Bereich vorzunehmen. Eine Genre drängt sich dabei automatisch in den Vordergrund: der Krimi
Das liegt daran, dass in den letzten Jahren eine kontinuierliche Flut von Regional- (bzw. Lokal-) Krimis gibt. Niederrhein, Köln, Ruhrgebiet und vieles mehr wurde und wird immer noch zum Schauplatz von Verbrechen. Ist das wirklich so?
Wer sich die Mühe macht, auch nur einen geringen Teil der Texte zu lesen, wird feststellen, dass es einen Unterschied zwischen Regionalkrimi und Regionalkrimi gibt. Dieter Paul Rudolph auf der Krimi-Couch.de hat es recht gut verdeutlich, was den Unterschied ausmacht.
In die erste Kategorie fallen demnach die Krimis, bei denen der lokale Bezug nur Kulisse ist. Hier und da fallen ein paar Namen, Begriffe, mit denen ein Bezug hergestellt werden soll, den es nicht gibt. Würde man per elektronischem Suchen und Ersetzen andere Namen und Begriffe einsetzten, ließe sich ein Köln-Krimi ohne Probleme nach Hamburg verpflanzen. So verkommt der lokale Bezug zu einer Masche, mit denen die Leserschaft vergrößert und nicht selten Textschwächen kaschiert werden sollen:

[…]würden die Autoren solcher Bücher tatsächlich „ihre Heimat zu Literatur machen“. Tun sie aber in der Regel nicht. Sie machen sie zu einer Verkaufsmasche, einer Aneinanderreihung von „Sehenswürdigkeiten“
aus: „Die fünf größten Krimi-Irrtümer“ … von Dieter Paul Rudolph

Zur zweiten Kategorie gehört ein Krimi dann, wenn er so mit der Region in der er vorgibt zu spielen verbunden ist, dass, würde man den regionalen Bezug entfernen, die Geschichte in sich zusammenbrechen, sie wäre ohne den Bezug so nicht erzählbar. Ein gelungenes Beispiel dafür liefert Helmut Frangenberg mit „Entführt in Ehrenfeld“ (in: Köln blutrot). Den Kölner Karnevalsprinzen kann man nur in Köln entführen. Ihn dann auch noch von der Moschee in Ehrenfeld herabbaumeln zu lassen, die ebenfalls eine Rolle spielt in seiner Kurzgeschichte, ist herrlich zu lesen.

Soweit zu den Krimis. Bei anderen Genres ist es mit dem lokalen Bezug ähnlich. Entweder ist der Bezug künstlich oder Teil der Handlung. Oft gelingt er dann, wenn sich die Notwendigkeit aus der Form ergibt. So hat ein autobiographischer Roman hat ganz von alleine lokale Bezüge. Denkbar ist auch ein ganz andere Möglichkeit, einen lokalen Bezug zu schaffen: in dem man die Stadt zur Hauptfigur macht wie John Dos Passos in „Manhattan Transfer„.

Abschließend noch ein Aspekt, den man bei aller Liebe zum Lokalen im Auge behalten sollte. Je stärker der regionale Bezug ist, desto uninteressanter wird in der Regel der Roman für ein breites Publikum. Ein Eifel-Krimi verkauft sich daher vermutlich in Hamburg denkbar schlecht. Wer über seinen Region hinaus gelesen werden will, versucht daher, entweder in einer Stadt zu leben, die auch in anderen Teilen des Landes (oder sogar darüber hinaus) interessant ist, oder aber er verzichtet auf den Bezug. Dabei kann er sich durchaus von lokalen Gegebenheiten inspirieren lassen, sollte aber Orte, Straße, Namen und anderes transferieren in eine fiktive Umgebung.

Keine Regel ohne Ausnahme, natürlich. In den Spähren der so genannten hohen Literatur ist es durchaus ein Roman mit eindeutigem lokalen Bezug denkbar. „Deutschboden“ des Autors Moritz von Uslars wäre ein Beispiel dafür, wobei zu diskutieren bleibt, ob es sich dabei wirklich um „höhere Literatur“ handelt.

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