Zeit und Wirkung

Bisher bin ich davon ausgegangen, dass die allgemein übliche (allerdings nicht zwingend notwenige) Zeitform für Prosa-Texte, in denen die personale Perspektive verwendet wird, das Präteritum ist.

Gestützt wurde das unter anderem durch das, was Claus Vainstain in „Erfolgreich Schreiben: Von der Kunst und Technik literarischen Schreibens“ dazu geschrieben hat:

… nahezu jeder Schriftsteller schreibt den größten Teil seiner Prosa im Präteritum.

Das es auch anders geht, habe ich beim lesen der Kurzgeschichte „Entführt in Ehrenfeld“ von Helmut Frangenberg (in: Köln Blutrot) heute festgestellt. Kurzer Einschub: Auführliche Besprechung des Buches folgt noch, aber wenn jetzt nichts völlig überraschendes kommt, hat Frangenberg die beste Geschichte geschrieben, vor allem einen wirklichen Regional-Krimi (oft ist der Handlungsort nur aufgesetzt und austauschbar). Zurück zur Zeitform. Frankenberg hat trotz personaler Perspektive im Präsens geschrieben. Die Wirkung ist dabei erstaunlich. Man ist noch näher dran am Geschehen, spürt die Spannung. Richtig geschrieben (und dazu gehört nicht wenig Talent) erzeugt das eine rasante Achterbahnfahrt.
Im Montségur Autorenforum bin ich auf der Suche nach weiteren Beispielen auf einen Text gestoßen, der es in sich hat:

Von den hundertzwanzig Menschen im Wagon ersticken während der zweistündigen Fahrt ungefähr dreißig. Weil sie ein elternloses Kind ist, gilt sie, wie auch einige Alte, die nicht mehr gehen können, und ein paar, die während der Fahrt den Verstand verloren haben, als Hindernis für den reibungslosen Ablauf und wird deshalb gleich nach der Ankunft beiseite getrieben, an einem Kleiderhaufen vorüber, der so hoch ist wie ein Berg…
aus: „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck.

Einen größeren Textauszug findet man im Diskussionsbeitrag „Schreiben im Präsens“ im besagten Forum. Für mich war das nicht nur Anlass, das Buch von Frau Erpenbeckauf meine Wunschliste zu setzen, sondern mich auch künftig näher mit der Wirkung zu beschäftigen.

Allein ein banales Beispiel (aus eigener Feder) zeigt den Unterschied zwischen Präteritum und Präsens:

Robert ging an der Straße entlang. An der Kreuzung zögerte er kurz, als er das Auto sah. Er beschloss, noch zu warten.

Das Ganze dann noch mal im Präsens:

Robert geht an der Straße entlang. An der Kreuzung zögert er kurz, als er das Auto sieht. Er beschließt, noch zu warten.

Man hat den Eindruck, dass der Erzähler in der zweiten Fassung noch stärker im Hintergrund bleibt. Auch wirkt der Text (etwas) spannender.

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