Sesshafte Menschen

Eines der Bücher, die Weihnachten auf dem Stapel ’noch lesen‘ hinzu gekommen sind, war „Warum die Menschen sesshaft wurden“ von Josef H. Reichholf. Der Titel klang vielversprechend, ebenso eine Kurzbesprechung, die ich vor längerer Zeit mal zu Kenntnis genommen habe.

Reichholf gelingt es auch, den Leser auf den ersten Seiten zu fesseln. Er erzählt sehr bildlich von den Nomaden, den Aborigines in Australien. Geschickt wechselt er dann rüber zur Eiszeit und untersucht verschieden Einflussfaktoren. Zusammen mit dem Leser macht sich Reichholf auf die Such nach dem Grund für Ackerbau und Viehzucht. Streckenweise so spannend, dass man ein leichtes Krimi-Gefühl bekommt, wenn Fakten zusammen getragen werden, aus denen Reichholf neue Schlüsse zieht.

Überzeugt hat mich dabei seine These, warum der Mensch nackt ist. Der Mensch, so Reichholf, sei der mit Abstand beste Dauerläufer. Durch seine Fähigkeit zu schwitzen und über die Haut mit Hilfe des Schweiß Verdunstungskälte zu erzeugen, verfügt er über das beste Kühlsystem. Durch seine Wärmeabfuhr schaff er es Strecken am Stück zu laufen, die kein anderes Säugetier erreichen kann. Auch auf kurze Distanz als Sprinter ist er durchaus konkurrenzfähig. Zusammen mit den bereits in der Vorzeit vorhanden primitiven Waffen ist er somit das effektivste Raubtier.
Auf Grund andere Indikatoren kommt Reichholf zu dem Schluss, dass es kein Mangel an Nahrungsmitteln gegeben hat, die dazu führten, dass der Mensch sesshaft wurde. Hätte es an Mangel an fleischlicher Kost gegeben, so wären andere Raubtiere (wie Löwen) oder Aasfresser (wie Geier), längst ausgestorben. Mit Hilfe der Energiebilanz versucht Reichholf nachzuweisen, dass sich das sammeln von Körner (aus Gräsern) nicht gelohnt hat. Zu mühsam, zu wenig ergiebig.
Die für ihn plausible Sicht ist die, dass Körner in kleinen Menge gesammelt wurden, um sie mit unterschiedlichen Methoden zu vergären, also um Alkohol daraus zu gewinne. Die ersten Bauten waren daher auch keine Siedlungen, sondern Kultstätten.

Soweit die stark zusammengeraffte Version. Was ich sehr bedauerlich finde an dem Buch sind die ständigen Wiederholungen. Ab der Mitte nimmt auch die Textqualität rapide ab. Mang ist geneigt, dass Buch ermüdet zur Seite zu legen. Die größte Enttäuschung aber ist das abschließende Kapitel Ausblick, in dem sich Reichholf für seine Arbeit rechtfertigt und mit sehr fragwürdigen Aussagen seine Thesen verteidigt. Für mich ist das so, als ob ein Romanautor seinem Buch noch eine Interpretationshilfe beilegen würde.

Fazit: Die wissenschaftliche Beurteilung überlasse von Reichholfs Thesen überlasse ich den Experten. Ich hatte eigentlich ein Buch erhofft, dass mich nicht nur einmal überrascht, sondern auch bis zum Schluss spannend und gut zu lesen ist.
Manchmal sollte man wohl doch seine Amazon-Wunschliste überprüfen und schauen, was für Rezensionen es zu den Büchern gibt. Dadurch lässt sich so manche Enttäuschung ersparen.

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