10 Schreibregeln, Teil I

Bereits Anfang Januar bin ich im SZ-Magazin (Heft 01/2011) auf den amerikanischen Autor Elmore Leonard gestoßen. In dem Interview nennt Leonard seine zehn Regeln, die ihm beim schreiben helfen. Sie folgen einem zentrale Ratschlag, den ich bereits an verschiedenen Stellen gelesen habe: Zeigen, nicht beschreiben (Show, don’t tell).

Im Original findet man die Regeln Leonard in einem Artikel der New York Times aus dem Jahr 2001 mit dem Titel WRITERS ON WRITING; Easy on the Adverbs, Exclamation Points and Especially Hooptedoodle“. Auch wenn es etwas redundant erscheinen mag, werde ich alle zehn Regeln in übersetzter Form aufführen und mit eigene Anmerkungen dazu versehen. Ich finde, man kann sie einfach nicht oft genug lesen, denn sie führen zu einer spürbaren Verbesserung eigener Texte.

1. Niemals ein Buch mit der Beschreibung des Wetter beginnen lassen

Grund für diese Regel ist, dass der Leser eines Buches eine Identifikationsfigur braucht. Das Wetter ist zweifelsfrei keine, daher sollte, wenn überhaupt notwendig, eine Wetterbeschreibung zur Erzeugung von Atmosphäre kurz sein. Für Leonard ist ein Verstoß gegen diese Regel dann möglich, wenn das Wetter etwas ist, worauf eine Figur reagiert. Ein schönes Beispiel, wie man Figur und eine Betrachtung über Schnee miteinander verbinden kann, findet sich in „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ von Peter Høeg, dessen Roman so anfäng:

Es friert, außerordentliche 18 Grad Celsius, und es schneit. In der Sprache, die nicht mehr meine ist, heißt der Schnee qanik, er schichtet sich zu Stapeln, fällt in großen, fast schwerelosen Kristallen und bedeckt die Erde mit einer Schicht aus pulverisiertem, weißem Frost.

2. Prologe vermeiden

Prologe sind deshalb ärgerlich, weil man damit eine Geschichte vor der eigentlich Geschichte erzählt. Nur wenige Autoren können einen Prolog so schreiben, dass er wirklich spannend ist. Die eigentliche Aufgabe eines Prologs, etwas zu beschreiben oder zu erzählen, was vor den eigentlichen Ereignissen liegt, kann auch in Form einer Rückblenden innerhalb der Geschichte gelöst werden.

3. Für Dialoge niemals ein anders Verb außer ’sagte‘ verwenden

Von einem Dialog erwartet der Leser, dass dort die Figur spricht und nicht der Autor, der sich einmischt. Insbesondere in der personalen Perspektive läuft man Gefahr, sich durch die Verwendung von Verben wie ‚brummte‘, ‚warnte‘, ’stöhnte‘, ‚log‘, ‚keuchte‘ als Autor einzumischen. Abgesehen davon sollte man mal versuchen, sich einen Satz lügend oder stöhnen auszusprechen. Geschickte Autoren schaffen es, allein durch das, was die Figur sagt und wie die Figuren zueinander stehen und aufeinander reagieren, deutlich zum machen, wie gesprochen wird. Dialoge lassen sich auch ohne Problem nur mit den Sätzen der Figuren schreiben:

‚Das machst du doch niemals.‘
‚Du glaubst mir wohl nicht.‘
‚Wer glaubt schon einem Feigling?‘
‚Ich bin kein Feigling.‘
Zur Bestätigung seiner Worte zog Peter seine Badehose aus und sprang vom Fünfer.

4. Niemals ein Adverb benutzen um ’sagte‘ zu modifizieren

Leonard bezeichnet die Verwendung von Adverbien in diesem Zusammenhang als Todsünde. Seiner Meinung tritt auf diese Weise der Autor zu sehr in den Vordergrund, der Rhythmus des Dialogs würde unterbrochen. Ein nicht unproblematische Regel. Wenn man auf ‚flüsterte‘ laut Regel 3 verzichten soll und jetzt auch nicht ’sagte leise‘ schreiben darf, hat man ein Problem. Oder?

Noch außer Atem kletterte Peter wieder hoch.
‚Wer ist hier ein Feigling?‘
‚Was hast du gesagt?‘
‚Wer ist jetzt der Feigling!‘
‚Du musst nicht gleich in mein Ohr brüllen.‘

Wie gesprochen wird, erschließt sich durch die Abfolge dessen, was die Figuren sagen.

5. Sparsamer Einsatz von Ausrufezeichen

Bereits Gottfried Benn nannte Ausrufezeichen ‚Brüllstangen‘. Genau diesen Effekt haben sich auch in Dialogen. Statt zu betonen, führen sie dazu, dass ein Satz förmlich herausgeschrien wird. Beim lesen führt das zum gleichen Effekt wie echtes brüllen: man wird taub. Auch wenn man das gut nachvollziehen kann, so sollte man dies auch kritisch hinterfragen. Eine interessante Diskussion über die Verwendung von Ausrufezeichen findet sich unter anderem bei WordReference.com. Als Regel gelten lassen könnte man, dass Ausrufezeichen in Dialogen durchaus verwendet werden dürfen (wenn man sich über deren Wirkung im klaren ist), aber im restlichen Text nichts verloren haben.

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