Grüner Krimidaumen, Teil I

Möglicherweise habe ich vor Jahren schon mal Krimis gelesen. Muss eigentlich auch so gewesen sein, denn sonst kann ich mir nicht erklären, warum ich einen großen Bogen um dieses Genre gemacht habe.

Seit dem ich im November selber so etwas ähnliches wie einen Krimi geschrieben habe (zumindest wenn man die Kriterien von Peter Nusser zu Grunde legt), nähere ich vorsichtig (man möchte schließlich nicht ertappt werden) der Gattung. Das unter anderem auch die so genannten regional-Krimis meine Aufmerksamkeit geweckt haben, habe ich mich Anfang des Monats (nach dem mir die Kollegen im Büro das Buch zum Geburtstag geschenkt hatten) auf „Natürlich der Gärtner – Niederrheinische Krimi-Route der Gartenkunst zur Criminale 2011“ gestürzt. In dem Band sind elf Kriminalgeschichten „an grünen Tatorten am Niederrhein“ versammelt. Die Idee der Criminale finde ich interessant und das ich nach wie vor einen Bezug zum Niederrhein habe, muss ich glaube ich nicht mehr groß erklären. Im Vorwort versprochen wurden mir, dass sich in dem Band „elf der besten deutschsprachigen Krimiautorinnen und -autoren zusammengefunden“ haben. Das klang gut. Mittlerweile hoffe ich, dass es nicht nur etwas übertrieben war, denn von den elf „Fällen“ haben mir ganz zwei richtig gut gefallen. Der größere Teil war durchschnittlich, einige sogar richtig schlecht. So was einfach nur zu behaupten, ist recht billig. Um diesen Vorwurf zu entgehen, habe ich mir beim lesen immer wieder Notizen gemacht, die ich jetzt zu einer geschmeidigen Paste verarbeiten kann. Mit etwas Glück lässt sich damit sogar das schlecht verklebte Buch reparieren, aber wir wollen nicht zu viel verlangen. Man sehe mir überings nach, dass ich von der Handlung in den einzelnen Geschichten so wenig wie möglich verrate – Krimi-Fans, die das Buch noch lesen wollen, werden es mir vermutlich danken.

„Nebel über Krickenbeck“ von Horst Eckert ist die erste Geschichte im Buch. In sehr vielen Schnitten und Perspektivwechseln wird der Mord an einer Investmentbankerin nacherzählt. Da der Protagonist Fotograf ist, der einem Auftrag folgend Naturaufnahmen macht, nehmen die Beschreibung der Natur einen großen Platz in der Geschichte ein. Gut, die Krimis sollen alle irgendwas mit Landschaftsparks bzw. -Gärten am Niederrhein zu tun haben. Man kann es aber auch übertreiben. Wenig gefallen hat mir auch, dass die Lehman-Brothers herangezogen werden, um den Mörder vor die Wand fahren zu lassen mit seinen Plänen. Der dann noch offensichtlich korrupte Polizist war etwas zu dick aufgetragen. Tut mir wirklich leid Herr Eckert, ab mir hat ihre Geschichte nicht gefallen.

Ebenso wenig gefallen hat mir die Erzählung von Sabine Deitmer „Blaue Schafe“. Aus der Ich-Perspektive schildert die Hauptfigur die Hintergründe ihrer kurzen Ehe, die ein tödliches Ende fand. Dabei ist die Geschichte nicht schlecht geschrieben, sie ließt sich sogar recht gut, aber das Mordmotiv ist unglaubwürdig. In dem die Hauptfigur am Ende ihren Traummann auch noch brutal ermordet (durchaus heimtückisch, vorsätzlich und nicht im Affekt), überschreitet sie sehr deutlich die maximale Figurenkapazität. So bitte nicht!

Alles richtig gemacht hat dagegen meiner Meinung nach Judith Merchant in „Ich werde deine Leiche im Stadtgarten verscharren“. Die Geschichte zieht schnell in den Bann, entwickelt einen Sog. Sehr gut ist auch die Kette, die sich durch die Erzählung zieht. Die überraschende Wendung und das tolle Ende müssen andere erstmal so hinbekommen. Gelungen ist auch die Nachvollziehbarkeit der Handlungen. Jede Figur wirkt glaubwürdig. Warum wer was macht, ist nachvollziehbar. Hut ab!

Nach zwei Geschichten aus der Ich-Perspektive wird uns Nummer vier in der Reihe wieder aus der personalen Perspektive präsentiert. Direkt zu Beginn fallen die Namen der Figuren aus, die zu platt sind. Sie wirken unpassende Assoziation. Warum Arnold Küsters in „Und das Wort ward Fleisch“ seine Hauptfigur Johanna von Kotzebue genannt hat, wird wohl nur er selber wissen. Wir können spekulieren, ob er uns damit seine Belesenheit zeigen möchte. Auch wenn man ihm die Namen noch durchgehen lässt, ärgere ich mich zumindest über die Abkürzung wie KR, KT und MK. Für Insider mag das vielleicht verständlich sein (MK kann ich mir gerade noch so zusammen reimen), für Otto-Normalleser wohl eher nicht. Das ein Obersteiger automatisch ein Ingenieur ist, wusste ich auch nicht. Fachwissen ist nicht verkehrt, aber ist in einer guten Geschichte wie ein Gewürz zu verwenden. Anstreichen möchte ich Herr Küsters auch noch den Begriff „Großkopferten“. Das sagt man in Süddeutschland, Bayern, aber keinesfalls am Niederrhein. Glauben sie mir, ich kenne die Gegend seit Geburt. Über die eigentliche Handlung möchte lieber den Mantel des Schweigens ausbreiten. Betroffen steht man am Ende der Geschichte da und fragt sich: Muss man so Krimis schreiben?

Nesse Altura hätte es mit „Warum sie sterben müssen“ fast geschafft, der dritte gute Krimi im Buch zu werden. Nur fast, weil sich am ende herausstellt, dass es kein Krimi ist, obwohl der Autor seinem Leser das Versprechen gibt, es sei einer. Den Vertag mit seinen Lesern nicht einzuhalten, ist keine gute Idee. Eine ziemlich gute Idee dagegen ist es von Altura, mit zwei sehr unterschiedlichen Ich-Perspektiven zu arbeiten. Auf der einen Seite die Tagebucheinträge der vierzehnjährigen Franziska und dann die des Rentners und Parkliebhabers. Beide verbinden die Hunde. Langsam anfangen, treibt ein jeder erneute Wechsel der Perspektive weiter zum lesen an. Man wartet förmlich darauf, dass etwas wirklich schlimmes passiert. Genau das bleibt dann leider aus. Schade!

In der zweiten Runde des Schattenboxens werde ich mir verbleibenden sechs Krimis vornehmen. Das das nicht in einem Rutsch möglich ist, liegt an dem Korb voller Klischees, die Nummer sechs präsentiert. Also, am Ball bleiben, morgen weiterlesen!

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