Charakterisierung einer Figur

Eine sehr interessante Möglichkeit, Figuren (in einer Geschichte oder Roman) zu charakterisieren besteht darin, sie nicht mit Hilfe von äußerlichen Merkmalen oder Verhaltensweisen zu beschreiben sondern durch ihr Verhalten, ihre Handlung oder aber die Art, wie sie mit anderen Figuren interagiert.

Zur Verdeutlichung ein Beispiel:

Wieder saß sie mit nassen Haaren im Zug.

Durch diesen Satz bekommen wir eine ganze Menge an Information über die Person mitgeteilt. Sie fährt Zug, anscheinend auch regelmäßig. Es kommt wohl auch häufiger vor, dass sie mit nassen Haaren im Zug sitzt. Würde sie kurze Haare haben, wären sie vermutlich nicht nass, also stellen wir uns beim lesen des Satzes eine Frau mit längeren Haaren vor. Das ihre Haare wiederholt nass sind, lässt zudem den Rückschluss zu, dass sie Problem mit der Zeit hat, eventuell sogar notorisch zu spät kommt.

Natürlich kann es auch sein, dass ihr die nassen Haare egal sind, aber dann würde es vermutlich in der Geschichte nicht extra betont werden oder aber der Satz würde anders lauten:

Die nassen Haaren, mit denen sie wieder im Zug saß, waren ihr egal.

Hier könnt es sein, dass die Person es besonders eilig hatte, mit dem Zug den Ort zu verlassen, an dem sie sich vorher war oder aber dass sie mit ihren Gedanken ganz woanders ist.

Leicht umgestellt erhalten wir wieder eine andere Bedeutung:

Die nassen Haaren, mit denen sie im Zug saß, waren ihr wieder egal.

Hier entsteht der Eindruck, unsere Figur geht nachlässig mit ihrer Gesundheit um. Trotz der Änderungen sehen wir aber immer noch eine Frau mit längeren Haaren vor uns. In allen Fällen erfolgt die Charakterisierung lediglich durch die Beschreibung einer Äußerlichkeit. Wenn man sich bewusst macht, welches Bild beim Leser entsteht, kann man das auch dazu nutzen, diese Bild zu beeinflussen. Wie ließe sich vermitteln, dass die Frau kurze Haare hat, ohne sie direkt zu beschreiben?

Eine Möglichkeit wäre, dies über den Faktor Zeit zu verdeutlichen:

Die nassen Haare, mit denen sie wieder im Zug saß, waren ihr egal, denn sie würden vor dem nächsten Bahnhof trocken sein.

Besonders elegant ist das in dieser Form jedoch nicht, zumal die Ergänzung die ursprüngliche Bedeutung abändert. In dem man beschreibt, wie andere Personen auf die Figuren reagieren, ließ sich auch verdeutlichen, dass sie keine langen Haare hat.

Die nassen Haare, mit denen sie wieder im Zug stieg, waren ihr egal. Sie ließ sich in den Sitz fallen. Von hinten hätte man sie glatt für einen jungen Mann halten können.

Viel besser wäre es, wenn die Informationen, die der letzte Satz transportiert, direkt von einem Mitreisenden kommen würden:

Die nassen Haare, mit denen sie wieder im Zug stieg, waren ihr egal. Sie wollte sich gerade auf einen freien Platz setzen. „Junger Mann, hier ist besetzt.“

Auf diese Weise wird anschaulich gezeigt, wie ihre Umwelt auf sie reagiert.

Natürlich gibt es noch andere Wege, die Charakterzüge und die Erscheinungsweise einer Figur zu beschreiben. Der Vorteil des gezeigten Weges liegt aber darin, dass er genügend Raum für den Leser lässt, sich die Person selber vorzustellen, also die Fantasie weitaus mehr anreget, als wenn man jedes Detail beschreibt.

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