Tiefen der Kindheit und Untiefen des Auesees

Kindheit auf dem Land. Eigentlich nicht ganz richtig, denn Wesel ist schließlich eine Stadt. Zwar keine besonders große, aber immerhin ist Wesel nicht Brünen, oder schlimmeres. Wer am Niederrhein aufwächst, weiß, dass es schlimmeres gibt. Immerhin hat Wesel einiges zu bieten. Ein vergleichsweise charakterlose Innenstadt, den Rhein und einen Baggersee, in dem sich der halbe Ruhrpott im Sommer erfrischt. Zumindest wenn man die Autokennzeichen richtig deutet. Damals war das so. Ob das immer noch so ist, lässt sich vermutlich nur mit einer Mutprobe feststellen, also mit eingepackter Badehose an den Auesee fahren. Zum Glück ist das nach mehreren Umzügen auf Grund der gegebenen Entfernung nicht ganz so einfach, so dass eine Begegnung mit alten Kindheitserinnerungen ausbleibt. Wobei so richtig ist das mit den Kindheitserinnerungen nicht. Mit dem Auesee verbinde ich hauptsächlich die Zeit in der Oberstufe. Das zählt wohl kaum mehr als Kindheit.

Die wilde Jugend. Zumindest in Teilzeit wild. Wer sich ein Wenig für das hält, was sich hinter dem Anspruch verbirgt, aufs Gymnasium zu gehen, der ist nicht wild, sondern mehr etwas anderes. Vielleicht rebellisch, zumindest so lange, wie man nicht mit der Polizei in Konflikt gerät. Nicht mal zum Nacktbaden im Auesee hat die Wildheit demnach gereicht. Trotzdem war die Zeit, als ich im Sommer in den Schulferien, die ich in der Oberstufe ganze vier Mal genießen durfte, nicht die schlechteste. Gut, es ist die Phase, wo die Hormone verrückt spielen und der Übermut sich nur durch kaltes Wasser kühlen lässt. Zum Glück war das reichlich vorhanden.

Am Auesse war es auch, wo ich meine Wehrdienstverweigerung geschrieben habe. Das war damals noch etwas anders als es vielleicht heute ist. Es gab keine Brief vom Kreiswehrersatzamt mit der Frage „Willst du Krieg spielen?“, die man mit ja oder nein beantworten konnte. Die eigene Haltung musste ausführlich begründet werden. Schließlich, so hieß es, verweigerte man den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen. Da wollte der Staat schon etwas genauer von einem wissen, ob man auch wirklich ein Gewissen hat.

Wie sich dann herausstellte, hatte ich tatsächlich eins, auch wenn ich trotzdem zur Musterung aufgerufen wurde. Vermutlich wollten die nur wissen, ob man untauglich und so dick ist, dass man über Kriegsgebieten als Fettsack hätte abgeworfen werden können. Unter den angehenden Zivildienstleistenden ging das Gerücht um, dass man bei der Musterung, sofern man vorher verweigert hatte, grundsätzlich als tauglich eingestuft wurde. Strafe musste halt sein. Zudem hätte niemand bestritten, dass man mit dicker Hornbrille noch alten Leuten den Hinter abwischen konnte. Das wiederum ist allerdings eines der Klisches, die damals mit dem Ziviledienst verbunden war. Dabei gabe es ein breites Spektrum von Tätigkeiten. Sehr beliebt war das Essen auf Rädern. Einfach nur Essen austeilen. Das war für manch eine verlockende Tätigkeit. Manchem schien das so gut gefallen zu haben, dass sie nach dem Studium ihren Lebensunterhalt als Pizza-Taxi-Fahrer verdienten. Die einfache Formel dafür war wohl Zvildienst plus Studium der Soziologie gleich Taxi-Fahrer. Als Pizza-Fahrer war man dabei noch privilegiert, denn Pizza war nie besoffen und kotzte auch nicht den Wagen voll.

Vom Auesee aus betrachtet war damals das Studium noch weit entfernt. Erstmal ging es darum, Abitur zu machen. Alles andere würde sich dann ergeben.

Eine der schöneren Erinnerungen , wenn nicht sogar die schönsten Erinnerungen meines gesamten schulischen Sportunterrichtes verbinde ich natürlich auch mit dem Auesee. Dazu gehörte selbstverständlich nicht das Laufen um den See, sondern eine sportliche Betätigung auf ihm. Nicht schwimmen, denn das wäre in ihm, sondern rudern. Solange man die Ruderblätter anständig hielt und ebenso das Gleichgewicht, befand man sich tatsächlich auf dem Auesee. Ein schönes Gefühl. Mit beiden Armen im Gleichklang Rudern, Fahrt aufzunehmen und den Rausch der Geschwindigkeit genießen. Blöd nur, wenn am Steg andere darauf warten auch das Boot benutzen zu können. Das, was ich am Besten konnte, war das davon rudern. Haarscharf am Rande des Vogelschutzgebietes. Als Belohnung meiner Leidenschaft fürs rudern gab es dann insgesamt eine drei für Sport auf dem Zeugnis. Mit großem Bedauern des zuständigen Lehrers, denn eigentlich wollte er mich wesentlich schlechter benoten. Das lag nicht nur daran, dass ich Basketball eine absolute Niete war und Volleyball nur leidlich spielte, sondern hing wohl mit der Vorgeschichte zusammen. Der Sportlehrer war nebenbei auch Trainer eines Volleyballvereins.

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